Die Bahn - vierter Teil

veröffentlicht von Esmeralda, 1 Kommentar
Ehe man sich's versieht, sitzt neben einem ein... Ferkel.

Ja, die Bahn, mein Lieblingsthema. Heute sitze ich mal wieder ganz unschuldig im Halbschlaf auf meiner Bank im zugegebenermaßen recht vollen Abteil - auf den vier Sitzplätzen neben mir hatten sich zwei Menschen niedergelassen, sonst überall nur einer für vier Sitzplätze. Der Zug hält, ich sehe aus dem Fenster, da geht eine reichlich hektisch aussehende junge Dame auf die Wagentür zu. Ich mache die Augen wieder zu, schließlich sind's noch zwei Stationen und sechs Minuten bis zu meinem Heimatbahnhof. Der Zug fährt an, ich falle selig in meinen Halbschlummer zurück, mit einem Male macht's neben mir RRRUMMSS. Die Federn wackeln noch ein bisschen nach und neben mir sitzt die junge Dame, die just den Wagen geentert hatte. Gegenüber saß niemand, aber auf die Bank wollte sie wohl nicht. Wahrscheinlich weil sie hätte rückwärts fahren müssen, das kann ja bekanntermaßen nicht jeder haben. Ich zum Beispiel. Mir wird da schlecht.

Ich schließe meine Augen wieder, mühsam den Ärger ob der rüden Störung niederkämpfend. Da schnieft sie. Ich denk' mir, das kann ja wohl nicht sein! Die wird doch wohl noch 'n Taschentuch haben! Aber nein, offensichtlich nicht, da schnieft sie schon wieder. Und nochmal, diesmal hört man den Rotz die Nase 'raufziehen, richtig satter Sound.

Da reicht's mir dann. Ich hole aus meinem Rucksack ein Taschentuch, knalle es ihr auf den ihren, der auf dem Schoß liegt, und raunze sie an: "Junge Frau," sage ich, "selbstverständlich ist der Platz neben mir noch frei. Es freut mich sehr, dass Sie höflicherweise fragen, manche Menschen sollen ja fast zu Tode erschrecken, wenn sich plötzlich so ein ungezogener Mensch einfach neben sie auf die Bank fallen läßt. Nein, danke der Nachfrage, ich habe ausreichend Platz. Ich hoffe doch sehr, dass Ihnen das Taschentuch weiterhilft. Benutzen Sie's nur und werfen Sie es hinterher gern weg, ich brauch's nicht mehr, ich habe noch einige. Und zögern Sie nicht, mich um ein weiteres Taschentuch zu bitten, wenn Sie eines benötigen. Ja, sehr nett, dass Sie sich so freundlich bedanken!"

Das und noch vieles mehr sage ich zu ihr mit halbgeschlossenen Augen wütend vor mich hinschweigend. Meine Güte, ist es denn so schwer, den Menschen, neben den man sich zu setzen gedenkt, freundlich zu fragen, ob der Platz noch frei sei? Niemand wird jemals "nein" sagen, wenn der Platz tatsächlich frei ist. Aber es ist doch so viel höflicher und netter, wenn man wenigstens so tut als ob man nicht sicher sei und fragt. Ist es denn zuviel verlangt, die rudimentärsten Grundregeln der Höflichkeit einzuhalten? Offensichtlich, sonst passierte mir das nicht so oft, wenn ich wehrlos im Zug sitze und vor mich hinpenne auf dem Weg nach Hause.

Aber wartet nur, irgendwann platzt mir der Kragen. Und der arme Mensch, der sich dann das alles anhören darf, was ich sonst nur in mich hineindenke, der tut mir heute schon leid!

Kommentare

Daniela

schrieb am

Hi Stonie

Also mit der Nachfrage zu Pendlerzeiten ob ein Platz noch frei sei, hättest du gegen die Zürcher Pendlerregeln verstossen. Wo niemand sitzt, ist frei, und man setzt sich, möglichst aber nicht so wie oben, leise hin um den daneben nicht zu wecken.

Daniela

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