Verbietet den Fussball!

veröffentlicht von Esmeralda, 6 Kommentare
Oh Mann, muss sowas denn sein?

Heute abend in der Tagesschau war zu bewundern, wie Herr Zwanziger dem Fussball-Landesverband Sachsen die Leviten las. Wir haben das vergangene Wochenende inzwischen (hoffentlich) alle verdaut und auch das, was in Italien passiert ist, ist inzwischen wohl von allen, die es betrifft, gründlich diskutiert worden.

Nun lebe ich ja nahe genug an Nürnberg, um immer mitzubekommen, wann Heimspiele stattfinden und kann mir, vor allem wenn der Club samstags spielt, regelmäßig wieder ansehen, was für Gestalten da per Bahn gen Nürnberg ziehen, um "ihre" Mannschaft gegen den "Feind" zu "unterstützen":

Da wandele ich also zu unserem Mini-Bahnhof, der uns (dem größten regionalen Arbeitgeber sei Dank) noch erhalten geblieben ist, um in Nürnberg dieses oder auch jenes einzukaufen. Sowas tut man ja samstags. Schon am Bahnhof frage ich mich, ob das denn eine gute Idee war, denn dort stehen meist Menschen in rot-schwarzen Hemden (je nach Wetterlage auch Pullover oder Jacken, das sind aber die Warmduscher, die nix abkönnen), von deren Armen mindestens je vier Schals herabbaumeln und alle haben sie eine Bierflasche in der Hand. Nun, denke ich mir, so schlimm wird's schon nicht werden, ich will jetzt nach Nürnberg, also fahre ich auch. Nur Mut!

Dann kommt der Zug, ich steige ein und stelle sofort fest: Das war ein entscheidender Fehler! Der Zug ist gepfropft voll, man kann noch nicht einmal mehr in den Waggons alleine stehen, von den Eingangsbereichen ganz zu schweigen. Bevor ich meine Fehlentscheidung rückgängig machen kann, knallen die Türen und ich sitze in der Falle. Neben mir plätschert das Bier aus der Flasche des neben mir stehenden Fussballanhängers, weil der Typ jetzt schon zu besoffen ist, um zu merken, dass er die Flasche gerade halten muss, damit das Getränk nicht meine Schuhe durchweicht, sondern durch seine Kehle fließen kann. Ich mache den Herrn freundlich darauf aufmerksam, wenigstens pflaumt er mich nicht an. Hinter mir stehen drei junge Wilde, die sich diverse Sixpacks mitgebracht haben und entschlossen scheinen, alle Flaschen bis zum Nürnberger Hauptbahnhof zu leeren, damit sie dann nicht so schwer zu tragen haben. Leergut bleibt ja sowieso im Zug zurück, wozu stellt die Bahn denn auch Leute an, die die Züge saubermachen. Ausserdem hat der Schaffner ja sonst nix zu tun.

Aus dem Waggon, in den ich jetzt nicht mehr passe, dringt in der Zwischenzeit der Zigarrettenqualm, denn ein Fan beherrscht weder seine Emotionen noch seine Genußsucht. Die Dame, die es mit Knuffen, Puffen und Schimpfen bis dort hinein geschafft hat, bereut ihren vehementen Einsatz bitterlich und wird langsam grün im Gesicht. Gönnen würd' ich's den Deppen ja, wenn sie ihnen auf die teueren rot-schwarzen Hemden kotzen würde. Bedauerlicherweise kann sie sich beherrschen. Mit jeder Station werden's mehr Fussballstadionspilger, der Lärmpegel wird unerträglich und die Qualität der Atemluft einfach unbeschreiblich.

In Nürnberg angekommen, treffen wir im Tunnel unter den Gleisen auf die Unterstützer des "Feindes", die schon drei Stunden Zugfahrt und einen Kasten Bier pro Nase Vorsprung haben. Sie haben sich lustige Hüte in den Farben des von ihnen favorisierten Vereins besorgt und sehen aus wie ein mutierter Wespenschwarm. Nur lauter. Und ich gehe jede Wette ein, dass Wespen nicht halb so falsch singen! Da muss der echte "Clubberer" ja dagegenhalten und man hebt an zum Lobgesang auf die Recken aus dem Schatten der Burg. Ich als dazwischengeratener "Einkaufstourist" komme noch nicht einmal mit meinem MP3-Player dagegen an und halte mich ebenso wie alle anderen, die nicht das Stadion zum Ziele haben, dicht an der Wand.

Am Ausgang des Tunnels stehen die Hüter von Recht und Ordnung einträchtig zusammen mit dem Bahnschutz und helfen, die Schreihälse auf die Rolltreppe zur S-Bahn zu dirigieren, auf dass dort auf dem Bahnsteig der Gesang zum alles erschütternden Schlachtgetöse anschwelle. Tut er auch und ich bin froh, dass ich jetzt die Rolltreppe nach unten nehme und in die U-Bahn steige. Die Leute, die die S2 in Richtung Altdorf nehmen müssen, tun mir in der Seele leid.

Was dieses Verhalten soll, verstehe ich nicht. Eventuell handelt es sich um eine Art Ersatzbefriedigung, weil man sich in der Masse ja gross und mächtig fühlt und dann eine Zeitlang vergessen kann, dass man dem Chef eben doch nicht die Fresse polieren darf. Dafür halten dann die Fans des "Feindes" und - im Falle größter Frustration - die Polizisten her. Merke: Je übler die sozialen Missstände, desto gewalttätiger das Auftreten des Fussballjüngers.

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich wirklich keine Lust mehr auf den Mist habe. Das, was Fussballspieler verdienen liegt sowieso schon lange jenseits jeglicher Rechtfertigungsgrenze, was der Fussball an sich kostet, ebenso und was irgenwelche Bedarfsweckungs- und -erhaltungsunternehmen daran verdienen, spottet jeglicher Beschreibung. Mir wär's ganz recht, wenn mal ein oder zwei Jahre lang sowieso gar kein Profi-Fussball mehr gespielt werden dürfte (man stelle sich das vor! Weltweit!) und die Fussballspiele an sich so lange unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfänden, bis sich Fussballverbände und Polizei zusammen mit unseren Damen und Herren Politikern mal einen gangbaren Weg aus dieser Katastrophe, die Fussball inzwischen nun mal ist, überlegt haben.

Da lob' ich mir die "Killerspiele". Die Leute bleiben a) zuhause, b) nüchtern und belästigen c) deutlich weniger Menschen als der gemeine Fussballfan. Und wenn, dann nur "wirrtuell".

Kommentare

Siechfred

schrieb am

Saufen und Autofahren passt halt nicht zusammen. Und so fahren die saufenden Fans Bahn und die normalen Fans (die m.E. durchaus in der Mehrzahl sind) Auto.

Stonie

schrieb am

Da hast du recht. Aber warum, zum Donnerwetter müssen die alle mit dem Auto zum sportlichen Event fahren? Wär' doch schön, mal ein paar zivilisierte Sportfans in öffentlichen Verkehrsmitteln bewundern zu dürfen. ;o)

at

schrieb am

"wirrtuell" ist schön, danke. Schön ist auch der Artikel, den ich bis auf eine Kleinigkeit so unterschreiben würde: Ein Stadion, eine Halle, eine Tribüne oder eine Wegstrecke mit echten Fans zu sehen, die die Leistungen der Athleten anerkennen und Unfairness mit Pfiffen bestrafen, oder einfach nur für gute Stimmung sorgen, kann ein so erhebender Anblick sein, dass die von dir geschilderte Schattenseite dagegen fast verblasst.

Stonie

schrieb am

Die alten Umweltverpester könnten ruhig auch mal nüchtern im Zug fahren! So! ;o)

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