Wir haben die Lösung! YES!

veröffentlicht von Esmeralda, 4 Kommentare
Die Autos fahren bald mit Elektromotoren, das ist umweltfreundlich! Und der Strom kommt aus der Steckdose...

Ich habe mir heute mal ausnahmsweise wieder das ARD Mittagsmagazin angesehen, war ja mal interessant. Vor allem der Beitrag "Elektroautos auf dem Vormarsch" hat es mir richtig angetan. Da spricht die Stimme aus dem off folgendes:

Der Projektleiter Amit Yudan schwärmt von der grünen Technologie, die benutzer- und umweltfreundlich ist.

Nunja, der Projektleiter kümmert sich ja nur um die Entwicklung der Batterien (und da mag der Himmel wissen, was da so drin ist - gesund kann's nicht wirklich sein). Dass der Strom aus Kraftwerken kommt, die mit fossilen Brennstoffen befeuert werden, ist ja von nachgeordneter Bedeutung. Hauptsache, aus den Autos kommt kein Abgas.

Nicht, dass mich hier einer falsch versteht: Den Ansatz finde ich ja ganz nett und die Richtung stimmt spätestens, wenn viel mit erneuerbaren (beziehungsweise vorhandenen) Energien gearbeitet wird. Die Welt wird nicht abgasfrei und die Ozonschicht bestimmt nicht geschützt, wenn Abgase anderer Art durch recht hohe Schornsteine in den Himmel gepustet werden, anstatt dass sie aus dem Auspuff kommen. Hinzu kommt, dass die Herstellung von Batterien je nach Inhaltsstoffen schon nicht wirklich umweltschonend sein muß - von der Entsorgung nicht zu reden. An diesem Punkt schon von "umweltfreundlich" zu sprechen halte ich, milde ausgedrückt, für blauäugig.

Kommentare

Stonie

schrieb am

Hi at!

Eigentlich hatte ich mich über die Naivität des Beitrags zunächst mehr amüsiert als geärgert - ich weiss aber nicht, ob das so 'rübergekommen ist. Das mal nur so vorneweg.

Vielleicht liegt ja einiges daran, dass mein Schwesterle für einen Stromerzeuger arbeitet und ich einem Projektteam assistiere, das sich derzeit die größte Mühe gibt, ein Steinkohlekraftwerk in die deutsche Landschaft zu stellen[1]. Auf die Art und Weise ist es natürlich schon so, dass wir (also mein Schwesterle und ich) uns ab und zu mal am Telefon darüber unterhalten, dass es ja ganz nett ist, wenn wir alle ab sofort nur saubere Energie haben wollen und gegen den Neubau von Kraftwerken kräftigst protestiert wird. Andererseits sieht's ja wirklich so aus, dass jeder von uns gerne immer dann Licht haben möchte, wenn er auf den Schalter drückt, wir alle wollen, dass unsere Kühlschränke kühlen und die Boiler heizen, ebenso wie jeder gerne seinen Arbeitsplatz behalten möchte, ganz klar. Aber dafür brauchen wir nun mal die elektrische Energie und die ist in den Mengen, in denen sie gebraucht wird, derzeit nicht ausschließlich und auch nicht vorwiegend aus sauberen Quellen zu haben, jedenfalls nicht hier. Und also habe ich auf diesen Fernsehbeitrag hin erst einmal das Kichern gekriegt. Das war der Anlaß für den Artikel.

Während ich schrieb, habe ich mir dann überlegt: Lass mal nachgucken, womit in Israel (wo diese Entwicklung derzeit ja stattfindet, damit man sich von den erdölfördernden Ländern unabhängig machen kann) der Strom erzeugt wird. Und es sind Gas- und Dampfkraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen befeuert werden, wenn ich das richtig sehe. Das war dann gleich nochmal so amüsant und also mußte es mit rein.

Dass Akkumulatoren ja so gewisse Chemikalien brauchen, die nicht so wirklich umweltfreundlich sind, wenn man sie nicht fachgerecht entsorgt, war dann die nächste Überlegung. Der gute Mann ist ja noch am Forschen, also wird er vermutlich nicht in die Welt hinausposaunen, was er da so benutzt. Aber ich denke schon, dass wir mal davon ausgehen dürfen, dass die Entsorgung nicht ganz einfach wird. Da war ich dann schon nicht mehr ganz so amüsiert und habe das auch noch kurz mit eingeflochten, auch wenn der Gedanke durchaus etwas spekulatives hat, das gebe ich ja gern zu.

Ich sagte ja vorher schon: Man verstehe mich nicht falsch, ich finde es wirklich gut, dass daran geforscht wird. Die Brennstoffe gehen uns aus und es dauert nicht mehr lange, dann sind unsere wunderschönen, gepflegten Autos nichts weiter als platzverschwendende Blechhaufen. Es ist also wahrhaft wichtig, dass wir uns schon einmal von der Verbrennung ganz gleich welcher Stoffe zur Erzeugung von ganz gleich welcher Energie möglichst fix wegbewegen. Aber ich fürchte, dass nur mit batteriebetriebenen Autos nicht wirklich viel getan ist. Bedauerlicherweise war aber die im Fernsehbeitrag vorgetragene Botschaft genau die: Hurra, bald haben wir batteriebetriebene Autos und alle unsere Probleme sind gelöst. Das ist dann entweder zum Lachen oder zum Weinen - oder zum Bloggen, finde ich.

[1] Der Laden hat mir dann übrigens auch einen Lehrgang spendiert, im Rahmen dessen man mir und den übrigen Teilnehmern schonend klargemacht hat, dass Erdöl, Erdgas und Steinkohle nur noch für einen sehr überschaubaren Zeitraum zu haben sein werden und dass Braunkohle blöderweise doch noch etwas reichlicher vorhanden ist, wenn auch die Umwandlung von Braunkohle in elektrische Energie kein wirklich gutes Geschäft ist.

at

schrieb am

Ich halte deine Reaktion tatsächlich für überzogen, weil ich deine Erwartungshaltung nicht nachvollziehen kann. Oder hat die "Blind am Sonntag" mit "Quadratur des Rades im Mittagsmagazin" getitelt? Okay, das wäre schon eher "Welt"-Niveau, also doch lieber: "Wir haben die Lösung! YES!"

Rollen wir die Sache doch mal von vorne auf: Da ist also jemand, der etwas entwickelt hat und auch noch davon überzeugt ist? Der die Vergleichszahlen im Gegensatz zu dir und mir vielleicht sogar kennt, aber eventuell der Meinung ist, dass sie zu kompliziert zu erläutern seien? Da spart der Teil, für den er verantwortlich ist, mutmaßlich viel Energie ein, unabhängig davon, ob aus seiner Leitung gerade norwegischer Ökostrom oder französischer Atomstrom fließt?

Vielleicht hat er sich deshalb so gefreut, weil er seinen Strom zuhause mit dem Heimtrainer erzeugt und sein Schwiegervater eine Fitnesscenter-Kette betreibt. Abstrus? Wahrscheinlich. Aber das ist dein Blick in die Glaskugel ja auch: Wozu deine Mutmaßungen über das, was die Steinkohle ablösen könnte? Wann wird das sein und warum sollte es ausgerechnet Braunkohle sein? Nur weil du dich nicht genügend für Blockheizkrakftwerke in deiner Nachbarschaft einsetzt? Oder weil Biomasse so müffelt? Selbst wenn durch das Aufladen an der heimischen Steckdose nur der regelmäßige Umweg zur jeweils günstigsten Tankstelle entfiele, wäre schon etwas gewonnen.

Und wozu deine Mutmaßungen zu den Gefahrstoffen in den Batterien? Für darauf spezialisierte Recycling-Unternehmen bedeuten die wahrscheinlich bares Geld und für den Kunden damit günstigeren Ersatz. Und um welche Substanzen geht es dabei überhaupt? Und wirken sie sich tatsächlich schädlicher aus als innerstädtischer Motorenlärm?

Niemand glaubt, dass wir zukünftig im Perpetuum Mobile zur Arbeit fahren, aber erwartest du, dass ausgerechnet ein seichtes Mittagsmagazin diese Thematik von A bis Z behandelt? Und dass dann ausgerechnet der Entwickler höchstpersönlich die Erwartungen bremst? Apropos Bremsen: Über die Ökobilanz von Fahrzeugen mit ausschließlich konventionellen Verbrennungssmotoren denke ich noch einmal nach, sobald die auch beim Bremsen Energie gewinnen, die sie nicht nur für den Anlasser oder die Klimaanlage verwenden können, sondern auch für den Vortrieb.

Insgesamt glaube ich, dass hier irgendjemand das Henne-Ei-Problem nicht ganz verstanden hat -- und der Projektleiter ist das sicher nicht. Der ist vielleicht wirklich ein wenig naiv, und sicher bin ich das auch, aber darauf zu warten, dass irgendwann die ganz große Lösung vom Himmel fällt, ist es auf jeden Fall.

Übrigens bin ich selbst einmal mit einem Kollegen auf Einladung von RTL in deren Frankfurter Studio gefahren und habe dort einem ahnungslosen Redakteur eine schöne Geschichte erzählt. Mein Kollege war da auch etwas euphorischer als ich und so präsentierte das RTL-Morgenmagazin am nächsten Tag Deutschlands wahrscheinlich ersten Fernehbeitrag zum "Telefonieren über das Internet". Das war vor zehn Jahren und inzwischen funktioniert es sogar.

Stonie

schrieb am

Hi Siechfred,

schön, dich mal wieder zu lesen! :o)

Ich fand diese Generalaussage "wir fahren bald alle mit Elektroautos und alles wird gut!" so extrem blauäugig - vor allem vor dem Hintergrund der Art und Weise, wie Israel momentan seinen Strom erzeugt. Irgendwie will es mir etwas dämlich scheinen, wenn man die fossilen Brennstoffe jetzt nicht mehr durch die Auspüffe der Autos jagt, sondern der Stratosphäre vermittels Kraftwerksschloten in geballter Ladung etwas näher bringt. Dazu kommt, dass uns nicht nur das Erdöl, sondern auch die Steinkohle langsam, aber sicher ausgeht. Und was verbrutzelt man, wenn man keine Steinkohle zur Verfügung hat? Richtig, Braunkohle! Und das Zeug ist ja wohl wirklich nicht so gesund, wenn ich dem glauben darf, was man mir neulich auf dem Lehrgang da erzählt hat...

Unser Energieproblem ist und bleibt schwierig, so viel steht fest. Und da ärgert's mich einfach, wenn irgendwelche blauäugigen Entwickler ankommen und sagen "Yeah, wir forschen an batteriebetriebenen Autos, die sind so umweltschonend!" - ohne sich mal wirklich klarzumachen, dass die Menge an Abgas, die da vermieden wird, wahrscheinlich deutlich niedriger ist, als sie meinen, weil sie nicht über den Tellerrand hinausgucken.

Es sei allerdings zugegeben, dass der schriftliche Artikel, den ich verlinkt habe, gegenüber dem gesendeten Fernsehbeitrag schon ein gutes Stück gemindert war, was die Euphorie anbelangt, von daher kann es sein, dass meine gebloggte Reaktion darauf etwas überzogen klingt.

Siechfred

schrieb am

Nun, es ist ein alter Streit unter Gelehrten und solchen, die glauben, welche zu sein. Fest steht, dass der Wirkungsgrad eines Elektroautos um einiges höher ist als der von Benzin- oder Dieselautos. Verfälscht wird das Ganze dadurch, dass niemand genau weiß, wie die Gesamtenergiebilanz aussieht.

Öl muss gefördert, transportiert und raffiniert werden. Dann muss es noch zu den Tankstellen gebracht werden. Strom muss erzeugt werden, hier hängt es ganz entscheidend davon ab, was es für ein Kraftwerk ist. Weiter ist natürlich der Energieverlust beim "Transport" zur Steckdose zu beachten. Diese Unsicherheitsfaktoren lassen m.E. unmöglich eine fundierte Aussage pro oder kontra Elektroauto zu.

Letztlich denke ich, dass es auch ein Politikum ist, schließlich müssen wir irgendwann weg von den fossilen Treibstoffen, weil sie schlicht und ergreifend alle sind. Von daher ist m.E. die Entwicklung von Elektroautos ein richtiger Schritt, sofern er mit der Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Stromerzeugung einhergeht.

Und wer weiß, vielleicht hast Du irgendwann eine Solaranlage auf dem Dach, die Deinen Haushaltsstrom erzeugt und gleichzeitig genügend Strom für Deine Autobatterie liefert ... :)

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