Grenzwertiges

veröffentlicht von Esmeralda, 1 Kommentar
Politik ist sicher keine Kuschelparty, klar. Grenzen gibt es aber doch.

Das Internet hat der Deibel gesehen - vor allem da, wo Menschen schriftlich kommunizieren. Mailinglisten, Foren und soziale Netzwerke sind ein Tummelplatz für Leute, die sich kranklachen können, wenn andere durch ihre Worte verletzt werden und solche, die ihrer Wut nur dann wirklich Ausdruck verleihen können, wenn sie niemandem dabei ins Gesicht sehen müssen. Aber wehe, wenn sie erstmal anfangen, dann gibt's kein Halten mehr!

Früher gab's mal eine Netiquette, an die sich auch die allermeisten Leute gehalten haben. Ja, mehr noch: Wer sich nicht daran hielt, fand sich schneller isoliert, als er "Troll" sagen konnte. Heute schreibt jeder drauflos und jeder Depp, der verbale Angriffe mit Humor und persönliche Beleidigungen mit freier Meinungsäußerung verwechselt, wird mit offenen Armen in jeder Gemeinschaft aufgenommen, die da existiert und jede auch noch so blöde Diskussion um Sandkastengebölke muß unbedingt bis zum bitteren Ende geführt werden. Das stört mich.

Ich finde, dass man, wenn man mit jemandem auf persönlicher Ebene nicht zurechtkommt, auf das zurückgreifen sollte, was uns im Elternhaus (hoffentlich!) und in der Schule (aber sehr hoffentlich!) beigebracht wurde: Höflichkeit, Respekt, Distanz. Gerade, wenn ich mit jemandem _nicht_ auf einer Wellenlänge bin, brauche ich dringend ein Fundament, auf dem ich sicher mit diesem Menschen kommunizieren kann. Frechheiten kann ich mir da genausowenig leisten wie mehr oder weniger geschmackvolle Witze.

Sag, was du sagen willst, bleib sachlich, verkneif dir deine lockeren Sprüche - auch auf die Gefahr hin, dass du als humorloser Stockfisch wahrgenommen wirst. Bedenke, dass man ehrlich seine Meinung sagen kann, ohne die Meinung des Gegenübers oder ihn selbst herabzusetzen. Und wenn du nun wirklich so ehrlich sein mußt, jemand anderem an den Kopf zu knallen, dass du ihn nicht magst: Sag's mit schonenden Worten. "Ich komme mit deiner Art nicht gut zurecht" ist allemal genauso ehrlich wie "ich kann dich nicht leiden" und tut viel weniger weh.

Und bevor du eine Doodle-Umfrage mit "lustigen" Statements zu einer anderen Person machst, geh doch besser erstmal aufs Klo und kack' dich da aus, anstatt deine Mitmenschen mit deinen spirituellen Exkrementen zu belästigen. Wenn du dann wieder kommunizieren kannst, wie das von dir als durchschnittlich wohlerzogenem Mitteleuropäer erwartet werden darf, dann schreib auf, was dich bewegt und diskutiere die Angelegenheit mit dem- oder denjenigen, den oder die es betrifft, anstatt in aller Öffentlichkeit deine Wahrheiten nackt und häßlich, wie sie sind allen an den Kopf zu werfen, die da im Wege stehen und nichts mit der persönlichen Auseinandersetzung zu tun haben.

Sonst läufst du Gefahr, doch eines Tages in der Kälte der Isolation zu stehen - dann wirst du nicht anders können, als auf die konfektionierten Umgangsformen zurückzugreifen, die uns dabei helfen, jeden Tag mit allen Menschen auszukommen, ob wir sie nun mögen oder nicht.

Und wer's bis hierher geschafft hat, der hat auch eine Belohnung verdient, deswegen gibt's jetzt ein zwar nicht ganz passendes, aber dafür sehr illustrierendes Gedicht von Eugen Roth (weil ich den Busch meiner Ansicht nach sonst überstrapaziere und weil mir das mit dem "Feuergeist" so gut gefällt):

Abdankung

Ein Mensch, als junger Feuergeist,
Der Lügen warmes Kleid zerreißt
Und geht - welch herrlicher Charakter! -
Kühn durch die Welt nun als ein Nackter.
Der Mensch wird alt, die Welt wird kalt:
Die Zeit zeigt ihre Allgewalt.
Der Mensch hälts, frierend, nicht mehr aus -
Froh wär er um den alten Flaus.
Doch hat er den nicht nur zerrissen,
Nein, auch die Fetzen weggeschmissen.
Mit Müh erwirbt er, so im Zwange,
Sich Weltanschauung von der Stange
Und geht nun, bis zu seinem Tode,
Gleich all den andern, nach der Mode.

Kommentare

Chräcker

schrieb am

Der Kommunikationsstil innerhalb einer Gruppe verselbstständigt sich schnell. Erinnerst Du Dich noch an die Uralten und immer wiederkehrenden Threads im selfraum? "Wie viel Angst braucht man" oder so ähnlich lautete mal ein langer stürmischer Thread aus der gefühlten Steinzeit des social-Netzwerkes..

Dann kommt dazu, daß im Netz viele, meine Wenigkeit inbegriffen, eine ausgesprochene Leserbriefschreiber-Mentalität haben. Wir hocken auf unserem Kissen gelehnt am Internetfenster und geigen unsere Meinung ungefiltert schnellschußartig einfach so raus auf die Straße. Und immer gegen die anderen.

Immer wenn ich dann mal, natürlich im Glashaus sitzend, frage: muß das denn so sein, dann ist die Bandbreite von "anders ist doch auch immer nur langweilig" bis hin zu "man muß auch mal Positionen klar ausdrücken"... und ewig schwappt das Bier aus den Seidel der Stammtischplatte, auf der heftig gepoltert wird.

Zuweilen den ich: niemand will jemanden wirklich mal abholen, ohne ihm erst mal vorher klar zu machen, wie deppert er doch ist. Allein um sich ins rechte licht zu setzen.

Meine bescheidene Meinung war: der Ton untereinander war immer mindestens hakelig, Netiquette ist ein Mythos von Leuten, die sich einfach nur daran gewöhnt haben und meinen, jemanden anderen Wort für Wort zitierreich auseinander zu nehmen oder mit einem "was an xy hast Du nicht verstanden" ab zu watschen, sei gute Kommunikation.

Nachdem nun Leute ausserhalb der Netzvergangenheit aufs Netz aufmerksam werden und ihre ersten Schritte rein machen oder mal grundsätzliche (zum Teil wirklich gute) Fragen stellen, wird auch nach aussen fleißig geschossen.

Das ist einer der Gründe, ganz ehrlich, warum ich die Piraten nicht als meine Partei sehen mag.

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