Paulus, die Korinther und die Piraten

veröffentlicht von Esmeralda, 6 Kommentare
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Eine piratige Neujahrspredigt

Liebe Piraten,

ich weiss gar nicht, ob ihr's schon wusstet: Ich bin in der Tat Christin. Zwar habe ich in den letzten anderthalb Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen, weil mir das von der Kanzel heruntergeschwurbelte Geheuchel entsetzlich auf die Nerven geht. Nichtsdestoweniger gibt es in meinem Haushalt eine Bibel und ab und an lese ich sogar darin. Als mir auffiel, dass ja dieses Jahr (aber erst im Oktober) tatsächlich der 20. Hochzeitstag ansteht, fiel mir der Trauspruch ein, den wir damals mit auf den Weg bekamen. Er findet sich im ersten Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 13, Vers 13:

"Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe."

Das ist zugegebenermaßen ein sinniger Spruch zur Hochzeit, da steckt einiges drin. Mehr noch, und zwar an philosophischen Ansätzen, die wir für uns im neuen Jahr brauchen können, finden sich in der Gesamtheit eben dieses Kapitels.

Paulus, der deutlich mehr Missionar war denn Romantiker, hat hier nicht davon geredet, dass eben diese drei Ingredienzien den Hauptanteil an Beziehungsarbeit ausmachen, nein (auch wenn es stimmt). Paulus spricht vor allen Dingen von einer anderen Art von Liebe, nämlich der, die sich auf die Gemeinschaft bezieht. Und genau diese Liebe ist es, die mir nicht nur in der gesamten politischen Landschaft fehlt, sondern auch in unserem sozialen Gesamtgefüge - und vor allem in unserer Mitmach-Partei der freien Meinungsäusserung.

Für wen macht ihr euere politische Arbeit? Wer steht im Zentrum euerer Überlegungen? Das ist eine Frage, die mir bei der Lektüre von Mailinglisten, Anträgen an den Bundesvorstand (speziell, wenn es - mal wieder - um Parteiausschlussverfahren geht) und auch bei anderen Äusserungen von Piraten durch den Kopf geht. Mir wird, wenn ich ehrlich bin, manchmal wirklich schlecht, wenn ich lesen muss, wie ungeschickte Äusserungen mit aller Gewalt so negativ wie nur möglich ausgelegt werden, wenn ich sehe, wie tief Misstrauen sitzt, wie wenig Wertschätzung Piraten entgegengebracht wird, die sich trauen, Meinungen zu äussern, die abseits der Piraten-Hauptströmung liegen, wie verbal um jeden Meter Boden gekämpft wird, mit welchen Mitteln Meinungshoheit erzwungen wird.

Wer kämpft, der will vor allem eins: Siegen. Und dabei übersehen die meisten Kämpfer, dass da, wo ein Sieger ist, üblicherweise auch mindestens ein Verlierer ist, der sich dabei vielleicht doch nicht wirklich gut fühlt. Unterliegen ist, das wissen wir alle, einfach unangenehm.

Aber, so werdet ihr mir jetzt sagen, Politik ist doch Kampf! Wir kämpfen um Wählerstimmen, wir kämpfen, um schlechte Gesetze zu verhindern, wir rennen täglich gegen die Borniertheit, die Dummheit, die Machtbesessenheit und die Gier der uns regierenden Politiker an. Täglich geschieht so viel Unrecht, dass es zum Himmel schreit, dagegen muss man doch etwas unternehmen, das muss man doch stoppen, das muss man doch be-kämpfen.

Sicher muss man klar Position beziehen. Und zwar für die Werte, für die wir stehen. Für Bürgerrechte. Für den Schutz unserer Daten. Für die informationelle Selbstbestimmung. Für Akteneinsicht. Für Bildung und für den freien, ungehinderten Zugang zum Wissen der Menschheit. Für ein gutes, freundliches - liebevolles - Miteinander.

Wer kämpft, kämpft üblicherweise gegen entweder etwas oder jemanden. Kämpft einfach mal nicht, sondern wendet euch einander zu, schaut euch ins Gesicht. Was ist denn so schlimm daran, wenn ihr mal einfach andere, freundlichere Worte wählt? Statt zu sagen "deine Meinung ist scheiße", womit man den anderen massiv herabsetzt, kann man doch wirklich auch sagen "das ist deine Meinung - ich habe eine andere". Letztlich ist das Geheimnis guter Politik meiner Ansicht nach nicht das Durchsetzen von Positionen "as is", sondern der gute, möglichst vielen gerecht werdende Konsens. Und dazu kann man gerne auch mal verschiedener Meinung sein, ohne sich gleich an die Kehle gehen zu müssen.

Paulus, den ich als Aufhänger für diese "Predigt" benutzt habe, schreibt in diesem 13. Kapitel des Briefs an die Korinther im 2. Vers folgendes:

"Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts."

Genau. Und das ist es, was ich unseren Piratenuntergangspropheten, den Geheimniswahrern und Erkenntnisbesitzern mitgebe: Ohne Liebe, ohne guten Willen, seid ihr nichts. Und wenn ihr Pech habt, werdet ihr in näherer oder fernerer Zukunft bornierte, dumme, machtbesessene und gierige Politiker.

Also bitte ich jeden Piraten, vor dem Absenden von Mails, Tweets, sonstigen Nachrichten, Diskussionsbeiträgen oder Anträgen (vor allem, wenn es sich um die berühmten "verhaut-dem-mal-den-Hintern"-PAVs handelt) darüber nachzudenken, ob dieses Elaborat wirklich so verschickt werden muss oder ob nicht vielleicht doch ein paar negative Formulierungen herausgenommen werden können, ob nicht doch die eine oder andere Provokation vermieden werden kann - und ob dieser Text überhaupt notwendig ist. Liebe ist auch Gelassenheit.

Ich wünsche euch allen ein wirklich gutes, produktives, friedliches und vor allem extrem erfolgreiches Jahr 2011.

Link dazu: 1. Brief an die Korinther, Kapitel 13

Kommentare

Trotzik

schrieb am

Danke fuer diesen beitrag.
hoffe der beitrag regt bei vielen das nachdenken an und bewirkt fuer 2011 positives

gitta@samerica.com

schrieb am

eine wahrhaft schöne empfehlung für alle, die vom volk gewählt zum wohle des volkes tätig sind und diese tatsache hoffentlich in ihrer gut bezahlten karriere nicht vergessen!

Chräcker

schrieb am

Liebe Stonie, ich hoffe immer und sehr, das Du Erfolg hast! Ich selber bin von der Art, wie viele Netzbürger mit anderen verbal umgehen, zuweilen derart geschockt, das ich nur flüchten mag. Es ist erschütternd, wie sehr sie die Mechanismen der Kritisierten nicht nur kopieren, sondern nicht selten sogar übertrumpfen und dabei tief persönlich hetzend verletzten. Und wie unbeliebt man ist, wenn man versucht, da etwas verbal aus zu bremsen.

Ein ganz eigenartiges Menschenbild kristallisiert sich da immer heraus. Ich gebe zu, das alleine deswegen manche, auch die Dir nahestehende, Partei nichts für mich ist.

Ich hoffe, Du gehst nicht unter, aber wenn ich an Deine Energie denke, bin ich da guter Hoffnung.

Peter

schrieb am

Liebe Stonie,

ich vermute stark, das Aggressionsniveau in Diskussionen ist auch und vor allem von Lebenserfahrung und Alter abhängig. Da die meisten Piraten junge Männer sind, kommt entsprechendes dabei heraus.
Der Peter von vor 10 Jahren hat auch anders argumentiert als der von heute. Von daher befürchte ich, dass Dein Appell ungehört verhallen wird und wir auf hormonelle Veränderungen an Bord des Piratenschiffs werden warten müssen.

Peter

Stonie

schrieb am

Ich freue mich ungeheuerlich über das positive Feedback (auch auf Twitter und facebook). Dankeschön! :o)

Chräcker

schrieb am

Ich glaube, es liegt nicht nur am Alter, Peter. Leute, die sich viel im Netz bewegen, wissen häufig alles sehr genau, besser und das aber mal wirklich feste und sind nie in der meinungsfindung, sondern haben immer gleich eine. Das sehe ich bei allen Altersklassen.

Jeder ist im Kommentarfeld, der hier schreibende sicher nicht ausgenommen, der Fachmann. Und da Kommunikation häufig mit auseinander-quoten und drüber-Kommentieren im Netz verwechselt wird und sich das in das eigene Verständnis so falsch einschleift, verarmt die Fähigkeit, sich auf Gedankengänge und Lebensviten und Erfahrungshorizonte anderer ein zu lassen. (Zumal "sich einlassen" immer gerne mit "übernehmen" verwechselt wird, dabei kann man sich auf den Gedankengang eines anderen auch mit Verständnis einlassen, OHNE ihn übernehmen zu müssen.)

Und das lernt man im Alter meist nicht einfach wieder.

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