Protest

veröffentlicht von Esmeralda, 3 Kommentare
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Auch Protest hat Grenzen; das muss jetzt mal gesagt werden.

Gestern abend war ich auf dem Erlanger Schloßplatz, um mir das Konzert der Big Band der Bundeswehr anzuhören. Selbstverständlich waren Menschen da, die dem Konzept "Bundeswehr" an sich abhold sind und auch die Meinung vertreten, dass unsere Landesverteidigungsarmee im Ausland nichts zu suchen hat.

Los ging es mit einer Aktion, die ich persönlich in ihrer Eigenschaft als Protestaktion richtig gut fand: Einige Leute lagen mit "blutbeschmierten" T-Shirts auf der Straße und simulierten Verletzte in einer kriegerischen Auseinandersetzung, ein paar andere haben Flugblätter verteilt. Als Protestaktion finde ich das absolut ok, sogar recht phantasievoll und dazu noch effektiv, denn man bringt Passanten zum Stutzen, was einem Zeit gibt, sie anzuhalten und ihnen sein Anliegen vorzutragen. Ich denke, die Jungs sind auch reichlich Flugblätter losgeworden. Sehr ok, keine Probleme.

Vor zwei Jahren, als die Band das letzte Mal da war, sind einige Leute einfach durchs Publikum gelaufen und haben Plakate hochgehalten. Auch das ist als Protestaktion absolut ok, das würde ich niemandem verbieten.

Was aber unverschämt ist, das kam gestern abend, als der Moderator den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann auf die Bühne holte: Da holten zwei junge Leute, die sich kurz vorher ein paar Meter links von mir positioniert hatten, Trillerpfeifen heraus und fingen an, mit den Dingern einen Höllenlärm zu veranstalten. Das, meine lieben Leser, geht ganz einfach nicht. Wer so etwas tut, der nimmt billigend in Kauf,

  • dass Umstehende mindestens einen Tinnitus, wenn nicht einen Hörsturz erleiden
  • dass Umstehende, die ein schwaches Herz haben, behandlungsbedürftige Schäden erleiden
  • dass Umstehende, die latent aggressiv sind, austicken,

kurz, dass andere Menschen durch den Protest, den man mit dem Gepfeife auszudrücken sucht, physische Schäden erleiden. Wie schon gesagt: Geht gar nicht!

Jetzt kann ich schon wieder die hören, die meinen, solche Verhaltensweisen wären sehr wohl Protest und wer zu so einer Veranstaltung ginge, der müsse doch damit rechnen, dass so etwas passiert. Dem halte ich entgegen:

Jeder hat ein Recht auf seine Meinung - auch Leute, die nicht euerer Meinung sind. Diese Leute einfach durch Lautstärke zum Schweigen bringen zu wollen, ist einfach nur armselig. Ihr könnt sagen was ihr denkt, ihr könnt diskutieren, ihr könnt versuchen, so viele Leute wie möglich von euerer Meinung zu überzeugen. Aber ihr dürft niemals so weit gehen, anderen Leuten zu schaden, weil sie eine andere Meinung haben als ihr! Das führt euch nämlich in die radikale Ecke und dann steht ihr auf derselben Stufe wie diejenigen, die ihr zu bekämpfen sucht; ihr werdet darin enden, dass ihr Menschen Rechte aberkennt, nur weil sie etwas anderes denken, etwas anderes vom Leben erwarten, kurz: anders sind als ihr es seid. Hütet euch davor, denn das ist der Anfang des Faschismus!

Kommentare

Chräcker

schrieb am

Ich find auch den anderen Protest zumindest, ähem, überlegenswert. Wenn sich Vertreter einer Anschauung, und zwar egal nun welcher, nur noch in abgeschlossenen Räumen mit Eingangskontrollen treffen können, weil sonst auch jedes Treffen, und sei es ein Bigband-Musikabend, zu einer Protestaktion umgemünzt wird (und mir würde das einen Abend schon versauern können... äh, wenn ich die Bigband denn hören wollte freilich ;-)) - dann stimmt auch wieder etwas mit unserer Kommunikationskultur nicht. Man muß nicht jede Bühne immer entern wollen.

Stonie

schrieb am

*hihi* Komisch, warum habe ich mir schon gedacht, dass du der erste bist, der einen Kommentar schreibt?

Späßchen beiseite: Sicher, grenzwertig ist es schon - aber auszuhalten. Ich finde, aushalten sollte man schon einiges können, solange dabei keine physischen oder psychischen Schäden für andere einfach mal so in Kauf genommen werden.

Was ich jetzt im Artikel selbst nicht geschrieben hatte, weil es nur am Rande zum Thema passt (aber hier passt es ganz gut), ist, dass man bedenken sollte, dass die Mitglieder der Big Band, sobald sie auf der Bühne stehen, trotz der Uniform in erster Line Musiker sind und die Leute unterhalten wollen. Das ist Schwerstarbeit. Ich finde, dass man das respektieren sollte. Denn ganz ehrlich: Wenn ich mir diese beiden Pfeifen von gestern abend so ins Gedächtnis rufe, dann wage ich ernsthaft zu bezweifeln, dass die beiden jemals auch nur annähernd eine ähnliche Leistung für ihre Mitmenschen erbracht haben. Auch darüber darf man als Protestler gerne mal nachdenken. Dagegen sein an sich ist weder eine Leistung noch bringt es irgendjemanden voran. Aber es ist natürlich leichter, als wenn man mit dem Protest gleich noch ein paar praktikable Alternativen mitliefert, dazu müsste man ja selber denken.

Chräcker

schrieb am

Hehe, ich hüpf eben auf jede Bühne drauf. ;-) Aber im Ernst, es lesen bestimmt viele, nicken gerne ab oder schütteln den Kopf aber schreiben das nie hin. Das ist mir für Kommunikation dann immer zu wenig, das sieht man als Ausgangsschreiber(in) doch nie. Deswegen schreibe ich immer, wenn ich mir "was dazu gedacht habe".

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