Gender: Pirat - Oder: Piraten sind einfach Menschen!

veröffentlicht von Esmeralda, 2 Kommentare
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Warum Piraten so furchtbar allergisch reagieren, wenn jemand fragt, warum es so wenig Frauen in der Partei gibt.

Ich bin Mitglied der Piratenpartei. Das heißt, eigentlich bin ich ja ohne Glied, und damit sind wir auch schon beim Thema, nämlich bei der Piratenpartei und dem fehlenden Problembewusstsein bezüglich der "Genderpolitik". Heutzutage benutzt man ja gern ausländische Begriffe, also erkläre ich das mal: "Gender" ist das englische Wort für das "soziale Geschlecht". Ironischerweise bezieht sich die Kritik hier aber auf das biologische Geschlecht. Oder anders gesagt: Eigentlich wäre das richtige Wort "Sex". Aber wenn man sagte, die Piraten hätten ein Sexproblem, wäre das vielleicht doch ... justiziabel? Also wird das Wort "Gender" so umgebogen, dass es passt, versteht ja doch niemand wirklich.

Auch wenn das Wort englisch ist und darüberhinaus falsch benutzt wird, ist das, was dabei herauskommt, herrlich deutsch, nämlich die Einsortierung von Menschen in hübsche, handliche Schublanden. Und die Piraten verweigern sich dieser Sortierung, sehr zum Unwillen der ordnungsliebenden deutschen Berichterstatter. Gerade heute hatte ich die Ehre, mit einem Journalisten zu telefonieren, der mit mir über die Piraten und die "Genderfrage" sprechen wollte. Wir hätten doch relativ wenige weibliche Parteimitglieder. Ja, stimmt. Dafür sind verhältnismäßig viele Frauen tatsächlich in Ämtern, ganz ohne Quote:

Zwei von sieben Mitgliedern des Bundesvorstands sind Frauen. Bei den Jungen Piraten sind es sogar drei von sieben Vorstandsmitgliedern, darunter die Vorsitzende und die stellvertretende Vorsitzende, welche nun auch im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. In den meisten Landes- und Kreisvorständen sind Frauen vertreten, die Landesverbände Berlin, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben Schatzmeisterinnen. Diese Liste ließe sich leicht fortsetzen. Zu guter Letzt bin ich ja auch eine, die einen Kreisverbandsvorsitz hat.

Aber das passt jetzt nicht ins Bild. Vor allem dann, wenn man die "richtigen" Bilder zum Bericht oder zum Artikel liefert. Unsere Journalisten sind sich also nicht zu schade, den Versuch zu unternehmen, ein "Genderproblem" in der Piratenpartei herbeizureden und -schreiben. Ich mache das nicht mit.

Unterscheidung von Menschen nach welchem Kriterium auch immer hat nämlich in der Hauptsache eines zur Folge: Spaltung. Die 'Wir-sind-anders'-Mentalität von Gruppen zieht unweigerlich eine 'Wir-sind-besser'-, eine 'Ihr-seid-schlechter'- oder eine 'Wir-werden-benachteiligt'-Mentalität nach sich. Und das ist für diejenigen, die dieses Land derzeit beherrschen, mehr als praktisch. Schon die alten Römer wussten, dass sich mit dem Prinzip "teile und herrsche" so richtig Kohle machen läßt.

Das ist übrigens auch das Prinzip, nach dem Zaubertricks funktionieren: Bring das Publikum dazu, woanders hinzugucken, dann kannst du in aller Seelenruhe deine Münze in die andere Hand nehmen und aus dem Ohr des Herrn vorne links im Publikum ziehen. Bring die Menschen dazu, zu glauben, die Piraten hätten ein "Genderproblem" und würden Frauen diskriminieren, dann bremst du den Zulauf.

Ich finde, Quoten darf man nicht pauschal verteufeln, sie können Positives bewirken: Bei der CSU beispielsweise. Wenn man bedenkt, dass dort der Kalk in den Köpfen einiger Mitglieder schneller rieselt als die Umfragewerte der FDP fallen können, dann kann man schon zu dem Schluss kommen, dass gerade die ultrakonservativen Mitglieder dieser Partei durchaus mit Nachdruck darauf hingewiesen werden müssen, dass Frauen vielleicht doch etwas mehr können als Dirndlkleider spazieren zu tragen und selbstgebackenen Kuchen für den Parteitagskaffee in der Nachmittagspause herzustellen. Dass Frauen mehr sind und mehr können, als bloß und ausschließlich das soziale Gewissen zu sein für ein überaltertes Häufchen machtgieriger Herren.

Die Piraten, deren Altersdurchschnitt noch unter dem der Jungen Union liegt, sehen das anders, denn sie sind anders aufgewachsen und sie haben eins wirklich begriffen: Wer sich teilen lässt, der wird beherrscht.

Beim Schreiben dieses Artikels haben mir Christiane Schinkel, Magnus Rosenbaum und noch so einige andere geholfen, deren Namen ich hier nicht sagen soll. ;o)

Kommentare

at

schrieb am

Ich habe nicht recherchiert, wie das in anderen Landesverbänden gehandhabt wird, aber auf den nordrhein-westfälischen Mitgliedsanträgen wird das Geschlecht gar nicht erst erfasst. Somit lässt sich der tatsächliche Anteil unterschiedlicher Geschlechter ohnehin nur grob schätzen. Gleichzeitig wird dokumentiert: Das Geschlecht interessiert hier nicht. Vielleicht nicht niemanden, aber ganz generell.
Zum Altersdurchschnitt: Mit 35 bin ich in unseren KV-Vorstand der jüngste, einer von zweien unter vierzig in einen fünfköpfigen Vorstand. Aber so alt wie die Junge Union im Geiste ist, können meine Kollegen gar nicht werden. Daher: Wer Wert darauf legt, nicht nach der Frauenquote bewertet zu werden, sollte auch andere persönliche Merkmale außen vor lassen. Wir machen Politik, nicht Statistik.

Esmeralda

schrieb am

Was, du bist schon 35? Boah, das hätt ich jetzt aber nicht gedacht[1]!

Meines Wissens nach wird das Geschlecht in der Piratenpartei nirgends erfasst. Es interessiert ja auch wirklich nur marginal.

Das mit dem Altersdurchschnitt habe ich jetzt nicht überprüft, das ist eine Hörensagen-Info, wenn auch aus einer sehr vertrauenswürdigen Quelle. Egal: Was ich damit sagen wollte, war eigentlich, dass die jetzt nachwachsende Generation (zu der ich mich mit meinen 45 Lenzen durchaus auch zähle, wenn auch am "älteren Ende") sich um Geschlechterfragen kaum noch einen Kopf macht. Das kann durchaus positiv sein (siehe Piratenpartei). Es kann aber auch nach hinten losgehen und dann doch zielgerichtete Maßnahmen erfordern (siehe CSU).

[1] SCNR, aber wirklich nicht. ;oD

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