Wir sind dafür, dass wir dagegen sind!

veröffentlicht von Esmeralda, geändert am , 1 Kommentar
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Allerorten sind wir dagegen. Egal, ob es Pickel im Gesicht sind, Kalorien, Medikamente (wirksame oder weniger wirksame) oder politische Ansichten. Wir sind eine Art Antigesellschaft. Antifaschismus, Antirassismus, Antisemitismus gehören da so selbstverständlich dazu wie auch die Demonstrationen gegen Diskriminierung (von wem auch immer) oder gegen den Klimawandel. Dagegen sein ist en vogue.

Was dabei leicht aus dem Fokus gerät, ist die Frage, wofür wir denn sind. Das macht uns angreifbar, denn man kann uns auf diese Weise leicht das Wort im Mund umdrehen, uns zu undifferenzierten Naivlingen umdeuten. Schönes Beispiel ist da Seenotrettung: Natürlich müssen alle Menschen, die in Seenot geraten, auch aus dieser Not gerettet werden und da ist es egal, ob es sich um gute oder böse Menschen handelt, um ehemalige Bundespräsidenten oder Leute, die auf ein Leben ohne Krieg hoffen.

Die andere Seite tut, als seien alle Flüchtlinge automatisch Verbrecher. Das stimmt selbstverständlich nicht. Es ist noch nicht einmal ein nennenswerter Anteil dieser Menschen, die Verbrecher sind. Aber wenn man sich dann hinstellt und brüllt, man wolle nicht, dass "unsere deutschen Frauen und Mädchen von diesen Flüchtlingen vergewaltigt und ermordet werden", dann klingt das schon böse nach "unsere deutschen Frauen und Mädchen vergewaltigen und ermorden wir selber". Für mich fühlt sich das Geschrei dieses Mobs in der Tat eher nach einer Drohung an als nach Schutz.

Ich habe heute mal spaßeshalber nachgefragt, als mir jemand sagte "Antifa ist notwendig". Ich habe gefragt, wofür die Antifa denn sei. Die Antwort war: "Für eine Welt ohne Rassismus". Nun, das ist a) arg kurz und b) negativ formuliert. Eine positive Formulierung war wohl auch nicht drin, das ist aber auch nicht so wichtig. Was mir an dieser Stelle wichtig ist, ist die Frage nach dem, was wir wollen, wo wir schon so genau wissen, was wir nicht wollen.

Wenn wir nämlich wissen, was wir wollen, haben wir eine Chance, zu ergründen, was uns das kostet. Fordern kann man ja viel, nicht wahr? Wieviel Unbequemlichkeit wollen wir denn in Kauf nehmen, dafür, dass unsere Gesellschaft frei von Rassismus ist? Wieviel Überwachung können wir tolerieren, um uns sicher, aber nicht überwacht zu fühlen? Worauf können wir verzichten, um dafür zu sorgen, dass alle es gleich gut haben?

Es gibt da eine schöne Karikatur, auf der eine Menschenmenge und ein Redner zu sehen ist. Der Redner ruft: "Wer will Veränderung?" und alle heben jubelnd die Hand. Dann ruft der Redner: "Wer will sich ändern?" und alle sehen zu Boden. Das ist das Problem, das wir momentan haben. Alle wollen Veränderung, alle wollen Missstände abstellen, aber niemand scheint ein Bewußtsein dafür zu haben, dass wirklich jeder sich selbst, seine Gewohnheiten und seine Verhaltensweisen ändern muss. Und wir müssen auch damit rechnen, dass Veränderung Geld kostet - vor allem, wenn zwar bekannt ist, welcher Missstand behoben werden soll, über das Vorgehen dazu aber Uneinigkeit herrscht.

Ich hoffe also, dass wir alle daran arbeiten können, diese Denkmuster zu durchbrechen und in Zukunft mehr ans "dafür" denken als ans "dagegen" und dem "es muss etwas geschehen" auch ein wohldurchdachtes "so soll es geschehen" folgen lassen. Ich denke, wir alle haben verdient, miteinander an unserer Zukunft zu arbeiten anstatt gegeneinander die Zerstörung dieser Zukunft herbeizuführen.

Kommentare

Anne Pipenbrinck

schrieb am

Deine Argumentation zum Thema Antifaschismus ist zwar intellektuell nachvollziehbar, kann aber eigentlich (fast) nur von jemandem kommen, der keine Familienmitglieder aufgrund von “rassisch” motivierter Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus verloren hat. Bei denen, die mit den Erzählungen aufwuchsen und die Erinnerungen erbten, wird Sinn oder Unsinn des Begriffes Antifa nicht diskutiert, zumindest habe ich das nie erlebt. Kurz gesagt, Familienmitglieder in Auschwitz oder der entfernte Onkel, der in Riga-Kaiserwald von Nazis durch Genickschuss hingerichtet wurde, weil er Jude war, lassen einen etwas verwundert auf diese endlose, ermüdende und in Teilen auch unwürdig geführte Diskussion blicken. Natürlich bin ich Antifaschistin, und ich werde auch nie etwas anderes sein. Was “die Antifa” angeht, so kann man sagen, dass es “die Antifa” in der Geschlossenheit, in der sie in den leidigen Diskussionen beschworen wird (teilweise wie der leibhaftige Gottseibeiuns), nicht gibt. Es sind sehr unterschiedliche Menschen, manche mehr, manche weniger organisiert, manche reflektiert und intelligent und manche, ja, manche sind einfach Idioten. Aber im Kern ist Antifa immer noch die Abkürzung für Antifaschisten. Trotzdem bin ich noch für die allerstumpfesten Antifa-Typen dankbar, denn diese werden uns vielleicht vor einer Wiederholung des Faschismus bewahren. Zumindest eher als die, die sich seit JAHREN immer kleinteiliger und technokratischer an dem Begriff Antifa abarbeiten. Die werden uns nämlich vor gar nichts retten, sondern die Antifa weiter behandeln wie einen etwas peinlichen Verein (peinlich - manchmal ja, Verein - nein, s. o.), mit dem man in keinem Fall etwas gemein haben will. Aber es waren nicht Leute wie “die Antifa”, die den Nationalsozialismus möglich gemacht haben. Neben den Verblendeten, den vom Versailler Vertrag Beleidigten, den Rassisten waren das nämlich auch die Technokraten. Und das sind die, vor denen ich mich immer am meisten fürchtete, obwohl ich durchaus in Zusammenstöße mit Nazis und Faschos verwickelt war.

Astrid, ich weiß, du meinst es nicht so. Du bemängelst durchauch zu Recht die etwas schlichte Antwort auf deine Frage, warum man die Antifa braucht. Wer immer der Antwortende war, es war nicht der Pressesprecher der Antifa, denn den gibt es nicht. Das Problem, dass die Antworten, die man von politisch Engagierten egal welcher Couleur bekommt, nicht immer vom erleuchteten Geist beseelt sind, kennt jeder, der mal mit Parteivertretern am Infostand gesprochen hat. Ich weiß auch, ehrlich gesagt nicht, was an einer “Welt ohne Rassismus” negativ sein soll, auch wenn das Wort “ohne” eine Form der Negation ist. Inhaltlich passen die letzten beiden (und in Teilen auch der drittletzte) Absatz eher wenig zum Themenkomplex Rassismus-Antifaschismus-Antifa, sondern eher zum Thema Klimakrise und der Frage, wie viel von unserem Lebensstil wir aufgeben müssen, um die Erwärmung aufzuhalten, was das kosten würde, und ob wir doch lieber dreimal im Jahr nach Malle wollen.

Eine Welt ohne Rassismus wird es vermutlich nie geben, aber wir können daran arbeiten, dass Leute sich rassistischer Denkmuster bewusst werden, dass Alltagsrassismus als solcher benannt wird und dass nicht jeder Pilz irgendeinen rassistischen Kram rauströtet, wie er lustig ist, weil er weiß, dass eine breite Masse zustimmend nickt oder wenigstens schweigt. Und das wird immer noch eher mit “der Antifa” samt ihrer Unzulänglichkeiten gelingen als mit den Leuten, die sich an Antifaschisten abarbeiten und dabei das eigentliche Problem aus den Augen verlieren - und das heißt immer noch Rassismus und nicht Antifa, denn in dieser Hinsicht sind nicht mal die Verstrahlteren unter ihnen so ein großes Problem.

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