Ihr Artikel Wo die wilden Kerle wohnen befaßt sich sehr zurecht mit der Tatsache, dass AD(H)S inzwischen eine Modediagnose ist, die mehr oder weniger auf Wunsch der Eltern oder der Schule gestellt wird, auf dass Kinder schon im Grundschulalter mit Medikamenten an das Lerntempo und die Lernumgebung angepaßt werden, die in der Schule vorgegeben werden. Es ist richtig, darauf aufmerksam zu machen, dass viel zu viele Kinder Medikamente bekommen, die ganz massive Nebenwirkungen haben, dass in sehr vielen Fällen eine Medikation überhaupt nicht notwendig wäre und vor allem darauf, dass sowohl eine sehr sorgfältige Diagnostik als auch eine begleitende Psychotherapie unabdingbar sind.
Schade, dass Sie die Chance verpasst haben, tatsächlich sachlich darüber aufzuklären, was AD(H)S eigentlich ist, sondern sich dazu hinreißen lassen, einen Artikel zu bringen, der impliziert, dass AD(H)S eine reine Erfindung sei. Damit, dass Sie sich auf diese Argumentation versteifen, machen Sie für diejenigen, die wirklich heftigem Leidensdruck ausgesetzt sind, das Leben in keiner Weise leichter. Ich möchte auch nicht wissen, wieviele Lehrer sich nun schon wieder befriedigt zurücklehnen, weil sie sich in ihrer Ansicht bestätigt sehen, dass AD(H)S ja sowieso nur die Verzweiflungsdiagnose sei, die unfähige, überprotegierende Mütter den entnervten Kinderärzten aus dem Kreuz leiern, damit ihre Kinder endlich Ruhe geben und sie selbst den Raum haben, sich klischeekonform zu verwirklichen.
Ihr Artikel erzählt die Geschichte von Paul, dessen Mutter ein Tweed-Kostüm und eine Perlenkette trägt, die "Werberin" ist und Pauls Krankengeschichte routiniert als Power-Point-Vortrag zum Besten gibt.
Will heißen: Das arme Kind leidet an einer überehrgeizigen Mutter, die ihr Kind lieber für krank erklärt und mit Medikamenten ihren Ansprüchen anpassen läßt, als sich Zeit zu nehmen für ihren hibbeligen Sohn, der den Papa in der WG schon einmal besucht und sich dort wohl gefühlt hat. Ja, Pauls Eltern leben getrennt; welcher Mann würde es bei einer solchen Frau auch aushalten?
Dem gegenüber steht Robin, dessen Mutter Künstlerin ist und dessen Eltern wohl auch nach wie vor zusammenleben - trotz des anstrengenden Kindes, das natürlich keine Medikation bekommt. Robin ist ein richtiger Junge, nicht so ein geschniegeltes Kinderpüppchen wie Paul. Robin trägt einen stoppelkurzen Fußballerhaarschnitt und eine Zahnspange. Robins Eltern haben sich dem Befehl des Kinderarztes nicht gebeugt, für sie ist es auch nicht so wichtig, dass Robin aufs Gymnasium geht, nein, das wollte Robin, der zwar nicht so toll ist in der Schule, aber dafür ohne Medikamente. Mir kommt das Kotzen, wenn ich lese, wie zwei Frauen (!) auf diese emotionale Art und Weise Klischees bedienen, ganz ehrlich.
Sie haben offensichtlich nicht begriffen, dass AD(H)S tatsächlich existiert. Sicher nicht ansatzweise so häufig wie es diagnostiziert wird - das kritisiere ich genauso wie alle, die sich diesem Thema mit Vernunft widmen. Aber es existiert. Und diejenigen Kinder, die AD(H)S haben, benötigen tatsächlich deutlich mehr Zuwendung, mehr Unterstützung, mehr Zeit als diejenigen, die das nicht haben. Für so etwas ist - zumindest in bayerischen Schulen - aber keine Zeit. Sie haben richtig gelesen: Ich spreche jetzt mal nicht von den Elternhäusern, sondern von den Schulen.
Über andere Bundesländer lasse ich mich nicht aus, denn ich weiß nicht, wie dort mit den Schülern umgegangen wird. In Bayern wird erwartet, dass Eltern gefälligst gefügige, stillsitzende, gottesfürchtige Normschüler anliefern, die sich widerstandslos im ebenso genormten Frontalunterricht unterweisen lassen. Das ist schon für Kinder, die eigentlich vollkommen normal sind, eine Tortur. Für Kinder mit AD(H)S ist das eine reine Katastrophe, sie kommen damit nicht zurecht. Also gibt es zwei Möglichkeiten: Medikation plus Psychotherapie und "Normalbeschulung" oder keine Medikation plus eventuell Psychotherapie und Sonderbeschulung. Ach, Verzeihung: Förderbeschulung. Und dieses Szenario wird Eltern sehr drastisch vor Augen geführt von den Schulen, die kein "anormales" Kind haben wollen.
Wer jemals einem "Beratungslehrer" gegenübergesessen hat, der erklärt hat, man habe da ein beSONDERes Kind, das müsse auf eine beSONDERe Schule, der weiß, wovon ich spreche. Und der weiß auch, wie die Reaktion ausfällt, wenn man sagt, dass das eigentlich nicht das war, was man sich für sein Kind vorgestellt hat.
In den nächsten paar Monaten wird man sich als Mutter wohl wieder nur in Jeans und Turnschuhen in die Sprechstunde beim Lehrer wagen dürfen. Und bloß nicht zugeben, dass man vielleicht hier und da mal keine Zeit hat für sein Kind. Und um Himmels willen nicht sagen, dass man alleinerziehend ist und arbeiten gehen muss, damit die Familie über die Runden kommt. Und auch nicht im Ansatz andeuten, dass es notwendig ist, dabei einigermaßen anständig angezogen zu sein oder gar, dass einem die Arbeit auch noch Spaß macht und das Kind aber gleichzeitig leider doch Legastheniker ist. Denn wenn der Lehrer, mit dem man da redet, Ihren Artikel gelesen hat und die entsprechenden charakterlichen Eigenschaften, meine Damen, dann wird er mit Verachtung auf diese Mutter herabsehen. Das könnte die Mutter vielleicht verkraften - aber das Kind hat es dann auszubaden.
Diese Mechanismen befeuern Sie nachgerade mit Ihrem Artikel. Ich weiss, dass Sie das nicht tun wollten. Sie wollten darauf aufmerksam machen, dass 90% der AD(H)S-Diagnosen echte, ernsthafte Fehldiagnosen sind. Ich wäre Ihnen zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie in Zukunft freundlicherweise in sachlicher Form genau das berichten würden, anstatt Mütter zu diffamieren, weil sie ein Tweedkostümchen tragen, arbeiten gehen und die Krankengeschichte ihres Sohnes als Slideshow auf dem Laptop haben oder Mütter in den Himmel zu heben, weil sie einen anderen Weg gegangen sind.
Das Problem an der Psychotherapie ist übrigens wesentlich seltener, dass Eltern meinen, das "gedopte" Kind habe sie nicht nötig. Nein, es ist viel einfacher und viel trauriger: Die Wartezeit auf einen Therapieplatz liegt bei ungefähr einem Jahr. Will heißen: Es wird festgestellt, dass das Kind professionelle Unterstützung benötigt und dann darf es erstmal ein Jahr Methylphenidat schlucken, ohne dass eine Psychotherapie auch nur ansatzweise in Sicht kommt.
Auch Mütter sind auf eingehende ärztliche Beratung angewiesen; auch Mütter sind nur Menschen. Und Mütter von Kindern mit AD(H)S machen es sich normalerweise nicht so leicht, wie Sie es hier darstellen. Ganz im Gegenteil.
Als ich 2002 nach Erlangen zog, gab es hier drei große Buchhandlungen, die, wenn ich das richtig sehe, selbständige Einzelhandelsgeschäfte waren. Dann kam Thalia und kaufte zwei dieser Buchhandlungen auf, nämlich Palm&Enke und die Universitätsbuchhandlung. Ich kann mich nicht mehr erinnern, in welchem Jahr das war, muss aber so um 2004 oder 2005 gewesen sein.
Kurz nachdem Thalia die beiden anderen großen Buchhandlungen geschluckt hatte, hat die dritte dichtgemacht. Heute ist da ein Fahrradladen drin. Schade, denn dort gab's ein etwas anderes Sortiment und der Laden war insgesamt doch ein wenig individueller. Aber vermutlich zu teuer - gegen einen Konzern, der in ganz anderen Größenordnungen einkaufen kann, kann man halt doch als Einzelunternehmer nicht anstinken, fürchte ich.
So ist heimlich, still und leise ein wenig Bildungsvielfalt aus Erlangen verschwunden, ohne dass die Bürger dieser Stadt das recht wahrgenommen haben. Ich finde das ziemlich traurig, denn ehrlich gesagt würde ich schon ganz gern ein bisschen mehr Vielfalt haben und individuellere Sortimente - in allen Läden übrigens, nicht nur bei Büchern. Aber eben bei Büchern ist es besonders schlimm, finde ich, denn Einheitssortimente in diesem Bereich werden meiner Ansicht nach auf Dauer Einheitsdenker hervorbringen. Praktisch für große Konzerne, ja. Schade aber für die Gemeinschaft.
Aber schlimmer geht bekanntlich ja immer. Und nun lese ich, dass der Douglas-Konzern, dem Thalia gehört, "mit der Buchsparte unzufrieden" sei. Man überlege, ob man nicht die Läden, die mehr als 500 - 600 Quadratmeter Fläche haben, besser schließen solle. Zur Beruhigung des geneigten Lesers steht da dann noch:
"Es wird auch noch in 10, 15 oder 20 Jahren noch Buchhandlungen geben", meinte der Konzernchef. "Sie werden aber anders aussehen. Es wird intimer, immer kleiner."
Jaja. Intimer, kleiner. Kein großartiges Sortiment mehr, einfach nur ein paar Bestseller, garniert mit Zeitungen und Zeitschriften, Blumensamen, Süßigkeiten (von Hussel, die gehören ja auch zum Konzern). Die Thalia-Buchhandlungen sind ja heute schon mehr ein Gemischtwarenladen, in dem zufällig auch ein paar Bücher herumstehen. Wie soll das wohl werden, wenn's "intimer" wird? Oh weh!
Was mir stinkt, ist, dass diese Hornochsen (excuse my french) erstmal alles an Indivdualität plattgemacht haben für ihren Konzerngewinn, dass sie mit dem Online-Geschäft ihre Franchiser behindern und sich dann beklagen, dass die Umsätze niedriger sind als erwartet. Für mich bedeutet das auf lange Sicht, dass ich auf eine große, wirklich gute Buchhandlung, in der man eben auch Beratung bekommt, wenn man sie braucht und die trotz des Anschlusses an den Konzern noch sehr ordentlich sortiert ist (der Uni sei Dank!) vermutlich auf lange Sicht werde verzichten müssen, damit die Shareholder von Douglas-Aktien bitteschön auch eine anständige Dividende bekommen. Es regt mich auf! Wirklich!
Eingestellt am von Esmeralda, überarbeitet am 06.01.2012, 20:57 Uhr
Eingeordnet unter: Piraten
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Jetzt haben wir schön nach außen geguckt, vielleicht sollten wir auch mal nach innen schauen.
Seit ich letztes Jahr meine zugegebenermaßen recht emotionale Neujahrspredigt geschrieben habe, ist viel passiert. Vor allem sind die Piraten in der politischen Landschaft angekommen. Wir sind tatsächlich schon so anerkannt, dass Satiresendungen Beiträge über uns bringen. Wir werden wahrgenommen, wir werden sogar hier und da ernst genommen. Menschen wählen uns, weil sie uns als authentisch wahrnehmen und uns zutrauen, eine Veränderung in der Gesellschaft zu bewirken.
Wir haben uns also von der Kleinpartei aus ein paar traumtanzenden Nerds zu einer politische Kraft entwickelt.Medienvertreter berichten über uns - oft besser, mal schlechter, mal verzerrt, meistens korrekt. Damit einher geht die Erkenntnis, dass wir jetzt etwas zu verlieren haben:
Unsere Glaubwürdigkeit und unsere Wahrhaftigkeit.
Marina Weisband schreibt da sehr desillusionierte Worte:
“Man könnte meinen, wenn man Ziel eines medialen Hypes ist, würde gehört, was man zu sagen hat. Dem ist nicht so.”
Und daran müssen wir uns gewöhnen. Über uns wird Bericht erstattet und die jeweiligen Berichterstatter berichten manchmal nicht etwa das, was unserer Meinung nach richtig ist, sondern das, was sie sehen - oder sehen wollen. Ein krasses Beispiel für Letzteres ist der Bericht in der EMMA vom Winter 2011.
Dass mediale Kritik auch einen Eindruck erwecken kann, den wir nicht machen wollen und der uns vielleicht sogar peinlich ist, macht so manchem Piraten Angst. Beispielsweise die "Entdeckung", dass unter damals 12.000 Mitgliedern der Piratenpartei zwei waren, die früher Mitglied in der NPD waren, hat zu einer Diskussion über die Mitgliedsanträge geführt: Es wurde vorgeschlagen, die Mitgliedsanträge so zu ändern, dass jedes potentielle Mitglied angeben muss, ob es einmal Mitglied in der NPD oder in einer ähnlichen Vereinigung war.
Als dann etwas später der Landesverband Nordrhein-Westfalen feststellen musste, dass dort ein bekennender Scientologe Mitglied ist, wurden dort ähnliche Überlegungen angestellt. So vor Aufnahme in die Piratenpartei mal hinterhergooglen und so.
Solche Blüten treibt die Angst. Eventuell ist das der Punkt, an dem wir als Piraten ein gewisses Verständnis aufbringen könnten für die Sicherheitsfanatiker, die eine Vorratsdatenspeicherung und am besten gleich eine lückenlose Überwachung eines jeden Bürgers haben möchten. Abzulehnen ist das trotzdem, denn:
Es ist praktisch nicht möglich, Menschen an dem zu hindern, was sie tun wollen, wenn sie es wirklich tun wollen. Das wissen wir und das weiss jeder, der das Mißvergnügen hatte, in der DDR zu leben. Überwachung und Kontrolle bringen keine Sicherheit. Sie treffen diejenigen am härtesten, die nichts Böses im Sinn haben - und das ist die ganz überwiegende Mehrheit!
Daten, die einmal erhoben und gespeichert sind, können mißbraucht werden. Wer, wenn nicht wir, wüßte, wie gnadenlos Daten mißbraucht werden können, um anderen Menschen wirklich Leid zuzufügen und ihnen zu schaden. Es gibt gegen Datenmißbrauch nur einen Schutz:
Keine Daten erheben!
Die Wurzel dieser Datensammelwut, dieses Bedürfnisses, alles über jeden zu wissen, ist Mißtrauen. Die einzige Methode, um gegen Mißtrauen anzugehen, ist Vertrauen. Das muß man sich erarbeiten und das muss man pflegen. Dazu gehört authentisches Verhalten, die Einhaltung von Zusagen und die ehrliche Äußerung der eigenen Meinungen - selbst dann, wenn man ein Amt oder ein Mandat innehat.
Dazu gehört aber auch die Berücksichtigung der Tatsache, dass andere Menschen ebenfalls Gefühle haben, die man verletzen kann. Ehrlichkeit kann durchaus rücksichtsvoll sein und es ist vollkommen unnötig, die eigene Meinung zu der einzig wahren Wahrheit hochzustilisieren,der sich niemand entziehen darf.
Wichtig ist auch die Fähigkeit, zugeben zu können, dass man sich geirrt hat, dass man von falschen Voraussetzungen ausgegangen ist, dass man etwas nicht weiss oder nicht versteht. Das alles ist Teil der Wahrhaftigkeit und der Ehrlichkeit.
Ich selbst bin in die Piratenpartei eingetreten, eben weil
sie nicht propagiert, die einzig wahre Wahrheit zu kennen
sie ehrlich zugibt, etwas nicht zu können oder nicht zu wissen
sie Irrtum zuläßt als Teil wirklicher Meinungsbildung
sie eine wunderbare Plattform für Diskussion bietet, auch wenn es manchmal etwas heiss wird
sie nicht verspricht, dass alles gut wird, wenn wir alle 4 Jahre ein Kreuzchen an der richtigen Stelle machen.
Wir haben Inhalte. Die mögen nun dem einen oder anderen Wähler nicht gefallen. Dann sollte dieser Mensch uns eben nicht wählen. Aber dass wir jetzt anfangen, Diskussionen zu verhindern, weil das Wählerstimmen kostet oder kritische Äußerungen nicht mehr zulassen, weil es einen Beschluß gibt - das darf nicht sein!
Deswegen bitte ich euch heute eindringlich: Redet miteinander! Hört einander zu! Akzeptiert, dass es Menschen gibt, die eine andere Vorstellung von Glück, Zufriedenheit und Freiheit haben als ihr selbst. Fürchtet euch nicht, euere Meinung laut zu sagen und hütet euch davor, den Respekt vor der Meinung anderer zu verlieren. Wo die Kommunikation aufhört, da beginnt ein anstrengender und nutzloser Kampf. Wo dieser Kampf hinführt und endet, das haben uns andere bereits vorgemacht. Ich denke, da, wo der politische Mitbewerb ist, wollen wir nicht hin.
Wir sind Piraten. Wir sind anders. Und das soll auch so bleiben!
Viele von euch wissen, dass ich heute Geburtstag habe - und nicht nur das: Ich habe so ungeheuer viele Geburtstagsglückwünsche bekommen, dass es mich schier umgehauen hat.
Hier ist momentan ein Betrieb, dass man es nicht glauben mag. Das Telefon klingelt unablässig, irgendwie habe ich das Gefühl, ganz Deutschland ruft an und das Handy quietscht immer mal dazwischen, dann kommt eine SMS. Auf Twitter und in der Fratzenfibel trudeln laufend mehr Glückwünsche ein, der Paketbote war da und hat auch noch etwas Schönes gebracht, es ist einfach unglaublich schön.
Das sorgt dafür, dass ich mich rundum wohl fühle, mich freue wie ein Schnitzel und einfach richtig glücklich und zufrieden bin. Dafür danke ich euch allen! Es ist schön, zu wissen, dass ich so viele Freunde habe. Fühlt euch alle kräftig gedrückt!
Frohe Weihnachten euch allen, macht es euch gemütlich!
Esmeralda war so freundlich, mir den folgenden Gastbeitrag über die Kommunikation auf Mailinglisten der Piraten zu ermöglichen. Dieser Text ist für eine Mailingliste geschrieben worden, allerdings hat er nach meiner persönlichen Auffassung Anspruch auf Allgemeingültigkeit in der digitalen Kommunikation.
Beim Betrachten von Mailinglisten stelle ich für mich fest, dass der Mikrokosmos der Piraten auch hier lebt. Ein klassischer Emailthread startet mit einem Thema, es folgen einige wenige konstruktive inhaltliche Beiträge. Aber schon kurz darauf wird das Thema ins Lächerliche gezogen und man schweift ab, äußert harsche Worte. Dann kommt der Dampfhammerpost, der dieses Thema sofort beendet haben möchte, sonst setzt es was. Gefolgt von weiteren Beiträgen, in denen empört darauf reagiert wird - das setzt sich dann so fort.
Mal ehrlich: Die Piratenpartei steht für Offenheit und Mitmachen, jeder kann sich einbringen und mitarbeiten; genau hier möchte die Piratenpartei anders als die anderen Parteien sein.
Ich erlebe teilweise das Gegenteil; es scheinen sich die bekannten Strukturen auszubilden, Gruppen zu bilden, weil man lieber die fragt, die mit einem selbst einer Meinung sind, als sich wirklich auseinanderzusetzen, holt sich das Gefühl im Recht zu sein und macht dann Haudrauf-Aussagen nach dem Motto "Entweder ihr spurt, oder es setzt was". Das ist ein Verhalten, das zu Mobbing führt, wenn es nicht durchbrochen wird.
Man kann zu einzelnen Personen stehen, wie man möchte; konstruktiver Umgang mit Anregungen und Kritik aber sollte jedem Erwachsenen auch möglich sein, wenn er mit Leuten spricht, die ihm unsympathisch sind.
Ich persönlich bin auch für eine einfache und klare Sprache. Mir ist es wichtig, die Menschen zu erreichen, ständiges "eindreschen" auf die anderen ist für mich nicht der optimale Weg. Ein Basta-Umgang bei Streitfragen, Überfahren von "Querdenkern" und Verwendung von Negativsprache finde ich nicht gut.
Ich wünsche mir auf Mailinglisten und auch sonst
einen konstruktiven Umgang miteinander,
einen Umgang mit offenem Visier,
Aussprachen bei Problemen untereinander
im Sinne der "Basisdemokratie" einen Umgang auf Augenhöhe miteinander
und nicht zuletzt auch einen sachlichen Umgang mit Sachfragen
Hoffentlich habe ich jetzt einen Beitrag geleistet, der dazu führt, dass wir in Sachfragen konstruktiv miteinander umgehen können und auf persönlicher Ebene wenigstens so viel Respekt voreinander haben können, dass wir zumindest höflich miteinander umgehen können.
Nun hat Herr Hagmann es also geschafft, seinen Bericht so aufzublasen, dass er nicht im regionalen Magazin "Kontrovers" untergeht, sondern die Weihen des Magazins "report" erhält und im bundesweiten ersten Programm gesendet wird. Der Inhalt dieser Beiträge ist sicher nicht sehr angenehm und sicherlich ist es den meisten Piraten peinlich, dass die Partei dargestellt wird, als würde sie Extremisten willkommen heißen. Sehen wir uns also mal an, was da konkret berichtet wurde:
1.) Valentin Seipt aus Freising war mal Mitglied in der NPD. Er ist aus der NPD ausgetreten, vertritt die politischen Ansichten der NPD nicht mehr, hat mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, eher im Gegenteil. Er ist in die Piratenpartei eingetreten, vertritt deren politische Ansichten und hat als Kreisverbandsvorsitzender in Freising offensichtlich so gute Arbeit geleistet, dass die Freisinger Nazis sich bemüßigt fühlten, eine Pressemeldung herauszugeben, um der Welt kund und zu wissen zu tun, dass Valentin Seipt mal Mitglied in der NPD war.
2.) Matthias Bahner aus Mecklenburg-Vorpommern war mal Mitglied in der NPD. Er ist aus der NPD ausgetreten, vertritt die politischen Ansichten der NPD nicht mehr, hat mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, eher im Gegenteil. Er ist in die Piratenpartei eingetreten, vertritt deren politische Ansichten und hat als Generalsekretär des Landesverbands offensichtlich so gute Arbeit geleistet, dass er für den Kreistag Mecklenburg-Greifswald aufgestellt wurde und von den dortigen Wählern das Mandat erhalten hat.
3.) Der Verein Musikpiraten hat eine Konzertveranstaltung eines Künstlers unterstützt, der seine Musik unter Creative-Commons-Lizenz vertreibt. Dummerweise waren die Organisatoren dieses Konzerts Menschen, die eine Woche vorher Artikel ins Internet gestellt haben, die das totalitäre System der DDR mitsamt der Mauer gut hießen und die Soldaten, die die Grenze zur Bundesrepublik bewacht haben, als Helden bezeichneten. Außerdem wurden auf einem Konzert dieses Künstlers in Neuseeland Spenden gesammelt für eine Organisation, die auf der Terrorliste des Europäischen Rates - nicht aber der UN! - steht. Der Landesverband Hessen hat dazu eine ausführliche Pressemeldung veröffentlicht.
Bis hierhin unproblematisch. Problematisch wird es beim vierten Punkt:
4.) Die Causa Bodo Thiesen, die die Piraten seit Jahren verfolgt. Es liegt dem Landesschiedsgericht des LV Rheinland-Pfalz ein Antrag auf Parteiausschlußverfahren gegen Bodo Thiesen vor und es ist nicht einzusehen, warum dieser Fall nicht endlich bearbeitet und zum Abschluß gebracht wird.
Und das ist alles, was dieser Bericht uns sagt. Es werden in sieben Minuten vier Punkte behandelt, von denen einer tatsächlich kritisch ist; die anderen drei werden durch die Stimme aus dem off so zurechtkommentiert, dass jemand, der nicht weiss, worum es geht, meinen könnte, dass es sich hier um Extremisten handelt; aber nur, wenn er nicht richtig hinhört.
Es gibt Piraten, die daraufhin meinen, sie müßten "etwas unternehmen". Die Vorschläge reichen vom Ändern der Bundessatzung, so dass spezifisch noch darauf hingewiesen wird, dass Rechtsextremismus aber wirklich gar nicht erwünscht sei bis hin zu Leuten, die tatsächlich meinen, sie müßten jedem Mitgliedsantrag hinterhergooglen, um sicherzustellen, dass das potentielle Mitglied nicht einer extremistischen Vergangenheit wegen irgendwo im Netz zu finden sei.
Geht's noch? Hallo, Freunde, wir sind die Piratenpartei! Erinnert ihr euch an das, wofür wir stehen? Für Bürgerrechte, gegen Überwachung! Es kann doch wohl nicht sein, dass nur, weil ein Fernsehmagazin einen Bericht gesendet hat, der kaum vorhandene Tendenzen "aufdeckt", ausgerechnet die Piratenpartei mal so eben anfängt, Leuten ohne Anlaß hinterherzuspionieren! Es kann nicht sein, dass ausgerechnet Mitglieder der Piratenpartei ernsthaft wollen, dass potenzielle Neumitglieder im Mitgliedsantrag angeben, ob sie vorher schon einmal in einer anderen Partei waren und wenn ja, in welcher. Ohne auch nur den Schatten eines Verdachts zu haben, nur um zu vermeiden, dass irgendwelche Journalisten hingehen und blöde Fragen stellen!
Und es kann ja wohl nicht angehen, dass über diese hysterischen Vorbeugungsmaßnahmenenstrategieüberlegungen in der gesamten Partei das einzige Problem vergessen wird, das tatsächlich vorhanden ist und in diesem Bericht angesprochen wurde: Das Parteiausschlußverfahren gegen Bodo Thiesen, das seit zwei Jahren einfach mal verschleppt wird!
Liebe Piraten: Bleibt ruhig. Wenn jemand extremistische Tendenzen hat, zeigt er das eher früher als später und dann gibt es Maßnahmen, die man ergreifen kann. Wenn jemand aber solche Tendenzen zeigt, dann muss man diese Maßnahmen auch unbedingt ergreifen, so nett der Mensch ansonsten sein mag.
Bitte hört auf, Leute unter Generalverdacht zu stellen, nur weil sie einen Mitgliedsantrag stellen und wirkt darauf hin, dass die Rheinland-Pfälzer die Angelegenheit Bodo Thiesen jetzt aber wirklich angehen und sauber zum Abschluß bringen. Das und nichts anderes wird auf lange Sicht dafür sorgen, dass die Piraten auch weiterhin für das stehen, was sie vertreten.
Hiermit beantrage ich den letzten Satz des §1 (1) der Bundessatzung wie folgt zu ändern: Ersetze "und faschistische" durch "im Besonderen nationalistische, nationalsozialistische oder faschistische".
Die neue Version des letzten Satzes in §1 (1) würde mit dieser Änderung wie folgt lauten: "Totalitäre, diktatorische im Besonderen nationalistische, nationalsozialistische oder faschistische Bestrebungen jeder Art lehnt die Piratenpartei Deutschland entschieden ab.
Begründung
In seiner jetzigen Form ist der letzte Satz des §1 (1) zu allgemein und offen gehalten. Dies führt immer wieder dazu, dass uns als Piraten vorgeworfen wird, wir wären "nach rechts offen" und/oder nicht in der Lage zwischen den Gefahren die für unsere Gesellschaft von links- oder rechtsradikalen Bestrebungen ausgehen zu unterscheiden.
Mit der an dieser Stelle hineininterpretierbaren Gleichsetzung von linken und rechtem Totalitarismus öffnen wir und indirekt für Menschen die den Holocaust und/oder die Verbrechen des Nationalsozialimus leugnen und/oder relativieren. Mit der von mir vorgeschlagenen Betonung unserer Ablehnung konkreter Formen des "rechten" Totalitarismus würden wir des weiteren Anerkennen, dass derzeit von dieser Seite eine größere Gefahr durch Kräfte von rechts (NPD et al.) als durch Kräfte von links ausgehen.
Mein Kommentar: Sowohl der Antrag als auch die Begründung sind in meinen Augen einerseits unnötig, andererseits schädlich. Der ursprüngliche Satz, der "nur" mit "Totalitäre, diktatorische oder faschistische Bestrebungen" beginnt, reicht vollkommen aus und deckt auch jegliche Bestrebung in Richtung Nationalsozialismus ab.
Die Begründung, dass der Satz zu allgemein und offen gehalten sei, überzeugt mich nicht - im Gegenteil. Jede Spezifizierung bedeutet in meinen Augen eine Minderung und Einschränkung der Aussage - so, wie der Satz hier umformuliert ist, kann er nämlich locker als Öffnung nach links verstanden werden. Das halte ich für schädlich. Die Gleichsetzung von linkem und rechtem Totalitarismus ist in meinen Augen sehr notwendig, denn es ist der Totalitarismus, der abgelehnt werden muss, nicht die Richtung, aus der er kommt. Diese Gleichsetzung schließt in meinen Augen die Tür für Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus begangene Verbrechen negieren, minder schwer reden oder sogar positiv darstellen wollen, genauso umfassend wie für die, die durch das kommunistische Regime im östlichen Teil Deutschlands über Jahrzehnte hinweg begangene Verbrechen heute kleinreden oder gar gut heißen wollen. Wer liberal ist, muss klarstellen, dass beides gleichermaßen schlimm ist, auch wenn die Verbrechen im Ausmaß natürlich nicht vergleichbar waren.
Der zweite Antrag zu diesem Thema im LQFB lautet wie folgt:
Ich beantrage an den §1 (1) der Bundessatzung folgenden Satz anzuhängen: "Hierbei wendet sich die Piratenpartei auch gegen jeden Versuch den Holocaust und die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1933 und 1945 zu negieren oder relativieren.
Begründung
(von [Nickname entfernt]) Neue Formen scheinbar geschmeidigerer Leugnung und Relativierung des nationalsozialistischen Völkermords und der nationalsozialistischen Verbrechen machen es notwendig, hier eine Ergänzung vorzunehmen. Der Übergang der Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen aus dem unmittelbaren Gespräch mit Zeitzeugen zu einem als geschichtlich erlebten und insofern mittelbareren Diskurs fordern auch neue Formen des Gesprächs und der Aufarbeitung.
Mein Kommentar: Das Negieren oder Relativieren der Massenvernichtung von Menschen und der weiteren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1933 und 1945 ist in Deutschland eine Straftat. Geschmeidig oder nicht: Es ist und bleibt eine Straftat und jede Äußerung in diese Richtung wird strafrechtlich verfolgt, so sie angezeigt wird und auch entsprechend geahndet, wenn ein Gericht die Begehung dieser Straftat feststellt. Es ist in meinen Augen vollkommen unsinnig, eine solche Sache in die Bundessatzung zu schreiben.
Im LQFB gibt es irgendwo den Vorschlag, ein Positionspapier zu formulieren. Sollte ein solches Positionspapier erstellt werden und mir vernünftig erscheinen, werde ich sicherlich dafür stimmen. In die Satzung gehört das alles jedenfalls nicht.
Der Anlaß für diese Anträge ist klar: Es ist am Sonntag bekanntgeworden, dass zwei Mitglieder der Piratenpartei, die obendrein noch Ämter innehatten bzw. -haben, vorher Mitglieder in der NPD waren. Natürlich ist es nicht schön, wenn man von so etwas überrascht wird. Aber deswegen die Bundessatzung gegen nationalsozialistische Tendenzen wetterfest machen zu wollen halte ich für vollkommen übertrieben.
Das alles ist, wie immer, meine persönliche Meinung, die man natürlich teilen darf aber bestimmt nicht muss. Der ungebetene Rat, der gleich hinterherkommt ist:
Leute, bleibt ruhig! Es ist alles nicht so schlimm wie es aussieht!
P. S.: Für den Fall, dass jemandem aufgefallen ist, dass ich das Wort "Holocaust" vermeide: Ja, das tue ich. Weil ich finde, dass man massenhaft, in industrialisierter Art und Weise begangenen Mord an Menschen, ihre Herabsetzung auf die Stufe von Dingen, das vorsätzliche Quälen, alles das, was in den Konzentrationslagern geschehen ist, so benennen sollte, dass es jeder versteht. "Holocaust" ist (laut Wikipedia) von dem griechischen Ausdruck für "vollständig verbrannt" abgeleitet - wer weiss das schon? Wem vermittelt das Wort auch nur den Ansatz einer Vorstellung von dem, was den Menschen in den Konzentrationslagern angetan wurde? Mir ist dieses Wort zuwenig, deshalb vermeide ich die Benutzung (gleiches gilt übrigens für "Shoah", was "Unheil" oder "Katastrophe" bedeutet - viel zu schwach, wenn ihr mich fragt. Zumindest, wenn man nicht auf hebräisch darürber spricht).
Ich bin Mitglied der Piratenpartei. Das heißt, eigentlich bin ich ja ohne Glied, und damit sind wir auch schon beim Thema, nämlich bei der Piratenpartei und dem fehlenden Problembewusstsein bezüglich der "Genderpolitik". Heutzutage benutzt man ja gern ausländische Begriffe, also erkläre ich das mal: "Gender" ist das englische Wort für das "soziale Geschlecht". Ironischerweise bezieht sich die Kritik hier aber auf das biologische Geschlecht. Oder anders gesagt: Eigentlich wäre das richtige Wort "Sex". Aber wenn man sagte, die Piraten hätten ein Sexproblem, wäre das vielleicht doch ... justiziabel? Also wird das Wort "Gender" so umgebogen, dass es passt, versteht ja doch niemand wirklich.
Auch wenn das Wort englisch ist und darüberhinaus falsch benutzt wird, ist das, was dabei herauskommt, herrlich deutsch, nämlich die Einsortierung von Menschen in hübsche, handliche Schublanden. Und die Piraten verweigern sich dieser Sortierung, sehr zum Unwillen der ordnungsliebenden deutschen Berichterstatter. Gerade heute hatte ich die Ehre, mit einem Journalisten zu telefonieren, der mit mir über die Piraten und die "Genderfrage" sprechen wollte. Wir hätten doch relativ wenige weibliche Parteimitglieder. Ja, stimmt. Dafür sind verhältnismäßig viele Frauen tatsächlich in Ämtern, ganz ohne Quote:
Zwei von sieben Mitgliedern des Bundesvorstands sind Frauen. Bei den Jungen Piraten sind es sogar drei von sieben Vorstandsmitgliedern, darunter die Vorsitzende und die stellvertretende Vorsitzende, welche nun auch im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. In den meisten Landes- und Kreisvorständen sind Frauen vertreten, die Landesverbände Berlin, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben Schatzmeisterinnen. Diese Liste ließe sich leicht fortsetzen. Zu guter Letzt bin ich ja auch eine, die einen Kreisverbandsvorsitz hat.
Aber das passt jetzt nicht ins Bild. Vor allem dann, wenn man die "richtigen" Bilder zum Bericht oder zum Artikel liefert. Unsere Journalisten sind sich also nicht zu schade, den Versuch zu unternehmen, ein "Genderproblem" in der Piratenpartei herbeizureden und -schreiben. Ich mache das nicht mit.
Unterscheidung von Menschen nach welchem Kriterium auch immer hat nämlich in der Hauptsache eines zur Folge: Spaltung. Die 'Wir-sind-anders'-Mentalität von Gruppen zieht unweigerlich eine 'Wir-sind-besser'-, eine 'Ihr-seid-schlechter'- oder eine 'Wir-werden-benachteiligt'-Mentalität nach sich. Und das ist für diejenigen, die dieses Land derzeit beherrschen, mehr als praktisch. Schon die alten Römer wussten, dass sich mit dem Prinzip "teile und herrsche" so richtig Kohle machen läßt.
Das ist übrigens auch das Prinzip, nach dem Zaubertricks funktionieren: Bring das Publikum dazu, woanders hinzugucken, dann kannst du in aller Seelenruhe deine Münze in die andere Hand nehmen und aus dem Ohr des Herrn vorne links im Publikum ziehen. Bring die Menschen dazu, zu glauben, die Piraten hätten ein "Genderproblem" und würden Frauen diskriminieren, dann bremst du den Zulauf.
Ich finde, Quoten darf man nicht pauschal verteufeln, sie können Positives bewirken: Bei der CSU beispielsweise. Wenn man bedenkt, dass dort der Kalk in den Köpfen einiger Mitglieder schneller rieselt als die Umfragewerte der FDP fallen können, dann kann man schon zu dem Schluss kommen, dass gerade die ultrakonservativen Mitglieder dieser Partei durchaus mit Nachdruck darauf hingewiesen werden müssen, dass Frauen vielleicht doch etwas mehr können als Dirndlkleider spazieren zu tragen und selbstgebackenen Kuchen für den Parteitagskaffee in der Nachmittagspause herzustellen. Dass Frauen mehr sind und mehr können, als bloß und ausschließlich das soziale Gewissen zu sein für ein überaltertes Häufchen machtgieriger Herren.
Die Piraten, deren Altersdurchschnitt noch unter dem der Jungen Union liegt, sehen das anders, denn sie sind anders aufgewachsen und sie haben eins wirklich begriffen: Wer sich teilen lässt, der wird beherrscht.
Beim Schreiben dieses Artikels haben mir Christiane Schinkel, Magnus Rosenbaum und noch so einige andere geholfen, deren Namen ich hier nicht sagen soll. ;o)
Meinungsfreiheit ist unser höchstes Gut. Nun ist nicht alles, was publiziert ist, eine Meinung, aber es kommt schon vor, dass man sich eine Meinung bildet aufgrund dessen, was Leute publizieren. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte", kurz GEMA, zum Beispiel. Der Nutzen dieser Gesellschaft für die Künstler wird von mehreren Seiten angezweifelt und die GEMA hat sich in der Vergangenheit doch einige Feinde gemacht, vor allen Dingen unter denen, die sich durch das Vorgehen der GEMA in ihrer Freiheit eingeschränkt sehen. Und also hat die GEMA eine Website, auf der sie über ihr Tun und Treiben informiert.
Nun haben heute Mitglieder von Anonymus die Website der GEMA lahmgelegt und das mit folgendem Hinweis:
Leider ist diese Seite (nicht nur) in Deutschland nicht verfügbar, da sie auf ein Unternehmen verweisen könnte, für das Anonymus die erforderlichen Freiheitsrechte nicht eingeräumt hat.
So ärgerlich auch ich es finde, wenn ich auf youtube ein bestimmtes Video suche, finde, und dann mit dem Hinweis konfrontiert werde, dass es in Deutschland der Urheberrechte wegen nicht verfügbar sei: Das geht in meinen Augen zu weit!
Sicher, auf diese Weise ist die GEMA mit ihren merkwürdigen Geschäftspraktiken mal wieder im Gespräch, ja. Andererseits sind wir ja alle so schrecklich für Informationsfreiheit, oder? Informationsfreiheit bedeutet ja nicht nur, dass man sich frei informieren können soll und muss, sondern auch, dass man die Freiheit hat, andere zu informieren. Warum sollte gerade Anonymus der GEMA dieses Recht absprechen? Nur weil die Geschäftspraktiken dieser Gesellschaft ihnen nicht gefallen? Wie kleinlich ist das denn?
Was wird übrigbleiben? Ein Sieg für einen Tag, vielleicht zwei, im Verlauf derer einerseits viel über Anonymus geredet werden wird, andererseits aber auch über die GEMA. Und danach? Es wird alles weitergehen wie immer. Das Gedächtnis des Normalbürgers ist nicht besonders gut. In die Zeitung von heute wird morgen Fisch eingewickelt. Ja, gut - im Netz ist das anders. Das Internet (das böse, böse!) ist unter anderem auch ein gigantisches Archiv und so wird dieser Tag dort nicht nur dokumentiert sein, sondern die Dokumentation wird auch auf lange Zeit abrufbar sein. Und wem schadet das?
Der GEMA bestimmt nicht; die hat auch zu viele Mitglieder dafür. Anonymus? Schon eher. Denn wer Freiheit zu verteidigen sucht, indem er Freiheit nimmt, wird auf lange Sicht unglaubwürdig, finde ich.
"Konsens" ist ein wunderschönes Wort aus dem Lateinischen. Die Übersetzung ins Deutsche lautet "Einwilligung, Übereinstimmung". Das ist es, was man als Politiker gern erreichen möchte: Die Einwilligung der Menschen, die einen gewählt haben (oder auch nicht) in das, was man (idealerweise für diese Menschen) tut und ihre Übereinstimmung mit den Ansichten, die man als Politiker selbst so hat. Und so suchen deutsche Politiker immer wieder nach einem Konsens, in der fälschlichen Annahme, dass eine Übereinstimmung unter ihnen auch eine Einwilligung des Volkes in ihr Tun bedeuten müsse. Der Konsens wird in der heutigen politischen Sprache gern und oft missbraucht; nachdem ein Politiker ja grundsätzlich unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit nur seinem Gewissen verantwortlich ist, ist es oft genug notwendig, die Parteiräson (auch so ein schönes Wort, als könne eine Partei denken) durchzusetzen, also einen Konsens zu erreichen, der vielfach weniger mit Übereinstimmung zu tun hat als vielmehr mit Gleichschaltung.
Das Wort selbst besteht aus zwei Teilen:
con, was auf Deutsch "mit" bedeutet und
sentire, also "fühlen", "meinen", "empfinden", "merken"
Daraus ergibt sich für mich, dass der Konsens eine gefühlsmäßige Übereinstimmung ist. Will heissen: Wer einen Konsens eingeht, tut das nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen. Wenn das nicht dabei ist, dann ist kein Konsens vorhanden. In der Praxis sieht das so aus, dass jedes Thema diskutiert werden kann und soll, dass jeder sagen soll, was er denkt, was er fühlt, was er bemerkt bei der Betrachtung des diskutierten Themas. Jeder sollte darin ernsthaft sein und natürlich auch ernst genommen werden, das ist sehr wichtig.
Wie erreicht der Diskussionsteilnehmer nun, dass er ernst genommen wird? Indem er
ausschliesslich seine eigene Meinung darlegt
den anderen Teilnehmern Raum lässt, ihre Meinung zu äussern
sich ausschließlich in der Sache äussert
sich nach Möglichkeit auf positives Feedback beschränkt.
Die Liste könnte man vermutlich noch ein Stück verlängern, aber ich lasse es bei diesen Punkten. Wichtig am Konsens ist das Mit-Gefühl, das Wissen darum, dass man angenommen wird und sich äussern darf, ohne Angst vor Miss- oder Verachtung, vor Abwertung oder sonstigen negativen Konsequenzen zu haben. Das ist eine Haltung, die natürlich unter dem Eindruck des eingangs Gesagten schwer einzunehmen ist. Sie ist sozusagen idealtypisch, also das Ideal, das kein Mensch wirklich erreichen wird - weil wir eben Menschen sind und auch Fehler machen, gerade in der Kommunikation.
Wenn ich also von "Konsens" rede, dann meine ich eine wirkliche, empfundene Übereinstimmung aller Beteiligten - auch wenn dabei der eine oder andere sicher zurückstecken muss. Das gehört dazu, das ist Realität: Man bekommt eben nicht immer alles, was man gern hätte.
Solange Politik aber als eine Art Wettbewerb verstanden wird, in dem die besten Angebote gewinnen, wird ein Konsens relativ weit von uns entfernt sein, selbst wenn die Gleichschaltungen, die da erzielt werden als Konsens verkauft werden. Aber ich weigere mich, ein derart schönes Wort aufzugeben, nur weil Menschen, die zu dumm sind, als dass sie wüssten, wovon sie eigentlich reden und Fremdwörter hauptsächlich wegen ihres schönen Klangs benutzen, meinen, sie müssten es verbiegen. Da hole ich doch lieber das Putzzeug aus dem Keller und poliere das Wort wieder schön auf, damit es glänzen kann und seinen Sinn wiederbekommt. ;o)